Theater der Welt
Das 1981 gegründete Festival sollte im Mai 2020 in Düsseldorf stattfinden. Nun musste es verschoben werden, ins eigentliche Jubiläumsjahr 2021. Was geplant war, davon erzählen Wilfried Schulz und Stefan Schmidtke, Direktoren von Theater der Welt...
Schmidtke Wir beginnen im Großen Haus mit der Koproduktion mit dem Baxter Theatre aus Kapstadt, J.M. Coetzees «Leben und Zeit des Michael K.» von 1983. Coetzee als Weißer hat zu Zeiten der Apartheid einen Farbigen zur Hauptfigur seines Romans gemacht. Kein besonders optimistischer Roman, der aber auch zeigt, wie man sich aus diskriminierenden Verhältnissen befreien kann. Die Regisseurin Lara Foot hat mit Coetzees Zustimmung auf einen weißen Arzt aus dem Werk in der Bühnenfassung verzichtet. Ein kolossaler Perspektivwechsel. Damit eröffnen wir. Danach Jetse Batelaans «Die Geschichte von der Geschichte»; Batelaan ist meiner Meinung der derzeit interessanteste Regisseur im Kinder- und Jugendbereich. Danach springen wir mit «Malen» nach Chile und zu einem Chor von 17 Frauen von 12 bis 70 Jahren: eine Lauf- und Sprechchoreografie von Mapuche-Frauen, die einen Initiationsritus performativ erzählen. Damit sind wir auch gleich am schwierigsten Punkt eines internationalen Festivals, denn Theater ist und bleibt fast ausschließlich ein Exportprodukt des europäischen Kolonialismus’ – Ausnahmen China und Japan. Das ist die große Crux. Alle fragen immer: Wo ist die Theatermoderne in Afrika? Aber was soll die Theatermoderne in Afrika sein, wenn nicht die Verlängerung einer exportierten westlichen Moderne? Doch sobald man etwas anderes holt, heißt es hier sofort «Folklore». Und das in Düsseldorf, wo die Kunst- und Musikmoderne der 80er Jahre ihre großen Feste gefeiert hat. – Um die Ecke hat Pina Bausch damals Weltchoreografie gemacht …
TH ... der man heute übrigens auch Cultural Appropriation vorwerfen könnte.
Schmidtke Deshalb haben wir als nächstes eine Weltneuerschaffung als Oper, gesungen vom berühmten Frauenchor aus Kupang. Eine musikalische Mischung aus christlichen Motiven und traditionellem Gesang aus Indonesien, sozusagen als Resteverwertung des niederländischen Katholizismusimports nach Jawa. Dann kommen wir nach Europa mit einer Riesenkoproduktion von 14 Partnern, dem «European Philosophical Song Contest», in dem es um Visionen für Europa geht, geschrieben von elf Intellektuellen, die Massimo Furlan in Popmusik verwandelt hat. Die Uraufführung war am Théâtre Vidy in Lausanne, und wir sind die letzte Destination. Von dort geht es nach Russland zu einer Inszenierung von Alvis Hermanis und einem psychologischen Kammerspiel über Raissa und Michail Gorbatschow, dessen Entscheidungen mein ganzes Leben geprägt haben, ebenso wie das von hunderten von Millionen Menschen in Europa. Am Ende kommen wir nach China mit einer Inszenierung von Krystian Lupa aus Harbin, «Mo Fei», mit einem chinesischen Ensemble, die das moderne China abwägt gegen ein etwas romantischeres Gesellschaftbild. Damit sind wir die Kontinente abgeschritten mit großen Produktionen für große Bühnen.
TH Wie sind Sie beim Programmieren vorgegangen? Haben Sie alles im Alleingang gesucht oder mit Scouts vor Ort?
Schmidtke Theater der Welt ist meine 15. Festivalausgabe und meine fünfte allein verantwortete. Da verfügt man über ein Netzwerk – und ohne ginge es auch in der Kürze der Zeit nicht. Der Trick ist, naiv und neugierig zu bleiben. So viel gucken wie möglich und vergleichen, und sobald sie sehen, dass eine Gruppe in Kanada etwas Ähnliches denkt wie an einem ganz anderen Ort, wird es interessant. Sobald man das nebeneinander stellt, entwickelt sich ein Programm, weil beides sich wechselseitig reflektiert. Ich trete dann in den Hintergrund. Ich habe keine Konzeption von der Welt, sondern helfe nur anderen, sich mitzuteilen.
Schulz Ich bin im Vorfeld unserer Bewerbung natürlich nicht um die Welt gefahren, sondern habe mit vielleicht zehn Festivalmachern gesprochen – habe versucht, von ihrer Kompetenz zu profitieren. Das ist ein enges Netzwerk von Leuten, ob man mit Matthias Lilienthal redet oder mit Anja Dirks, Stefanie Carp oder Christophe Slagmuylder, die sich alle untereinander bestens kennen und beobachten. Das ist auch ein Markt, und es geht vermutlich auch nicht anders, aber man muss sich davon auch wieder ein Stück weit unabhängig machen. Und was ich an Stefan Schmidtke wahnsinnig schätze, ist seine innere Freiheit, seine eigenen Entscheidungen zu treffen, zu reflektieren und genau beschreiben zu können. Was nicht so einfach ist, wie es klingt. Wenn es heißt, Düsseldorf macht Theater der Welt, dann bekommen sie – auch ich – jede Menge Anrufe von Leuten, die ihre Freundschaft wieder entdecken und Vorschläge für Einladungen machen.
Schmidtke Wir sind übrigens nicht nur herumgefahren und haben Gastspiele eingekauft, sondern wir machen acht Koproduktionen, davon drei Uraufführungen mit dem Düsseldorfer Schauspielhaus, Jungem Schauspiel und Bürgerbühne, sind also nicht unwesentlich ein produzierendes Festival. Das hat auch damit zu tun, dass generell die Bedingungen für Theater in der Welt auf der Produzentenseite deutlich schwieriger geworden sind. Ob es nun staatliche subventionierte Kunst ist oder freie, meist sehr kritische Kunst, sie alle haben es zunehmend nicht leichter. Wir haben übrigens über 50 Prozent Frauenanteil, auch ohne Quote! Einfach, weil es so kommt. Zum Beispiel eine 24-Stunden-Performance aus Australien, «The Second Woman» von Nat Randall und Anna Breckon, in der eine Schauspielerin mit 100 Männern, die sie noch nie zuvor gesehen hat, hintereinander weg mit jedem einzeln eine Szene durchspielt, die Schlüsselszene aus John Cassavetes «Opening Night», ob sie Jahre nach der Trennung wieder zueinander finden wollen.
TH Das spielt in Düsseldorf Wiebke Puls. Hält man das wirklich 24 Stunden durch?
Schulz Wiebke Puls hat viel Kraft, ich hoffe nur, die Mitspieler auch.