Rezensionen April 2020
Foto: Erik Berg
Tschaikowsky: Eugen Onegin in Oslo
Meisterregisseur Christoph Loy schaut einfach genauer hin als viele seiner Kollegen. Hört auf die Zwischentöne der Musik und deren geheime Seelenregungen und spürt den Entwicklungslinien der Figuren mit maximalem Einfühlungsvermögen nach – zumal jenen der eigentlichen Hauptfigur des Stücks, der Romane verschlingenden Tatjana. Loy gewinnt seinen Tiefenblick dabei aus einer Analyse gesellschaftlicher Strukturen, aus denen die Beziehungs- und Verhaltensmuster, die Werte, Sitten und – vor allem allzu männlichen – Unsitten der Puschkin-Personnage unmittelbar abzuleiten sind.
Mit ach so leichtfertig verliebten jungen Leuten und der damit einhergehenden Entschuldbarkeit ihres Handelns als bloße Betriebsunfälle des Eros hat das Stück bei ihm nur wenig zu tun. Denn nicht die Bilder der neuen Welt, sondern jene des alten Rechts meißeln sich zu Beginn hegelianisch ins hörende Herz und Hirn. Da ist einerseits die fehlgeleitete Männlichkeit, die im streng hierarchisch organisierten Haushalt der Gutsbesitzerswitwe (vornehm wie Jackie Kennedy: Randi Stene) schon in der untersten Schicht ihr übergriffiges Verhalten auslebt, wenn ein namenloser Knecht der Magd an die wohlgebügelte Wäsche will oder sich der Chor in derber sexueller «La traviata»-Enthemmtheit die Langeweile des Landlebens versüßt. Doch auch das Matriarchat von Larina und Amme Filipjewna verströmt keine schützende Wärme. Mit harter Hand und unter Zuhilfenahme von allerhand Dienerschaft wird hier der Laden zusammengehalten, Ordnung, Struktur und Gefühlsbegrenzung herrschen gleichsam absolutistisch.
Die gesamte Rezension von Peter Krause finden Sie in Opernwelt 4/20