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Jelinek goes Ibiza

«Schwarzwasser» in Wien

«Schwarzwasser» – der Begriff bezeichnet Abwasser, das Fäkalien enthält – ist, wie bei Jelinek üblich, ein furioser, ausufernder, vielstimmiger, auch redundanter Text ohne fest zugeschriebene Rollen. Mal sprechen die – namentlich nie genannten, aber wiedererkennbaren – Politiker, mal deren Wählerinnen und Wähler, mal meldet sich die Autorin selbst zu Wort, und nicht immer lässt sich genau sagen, wer da jetzt genau spricht. Zu den Merkmalen eines Jelinek-Dramas der jüngeren Bauart gehört auch das Herbeizitieren einer griechischen Tragödie. Diesmal greift die Autorin auf «Die Bakchen» des Euripides zurück – «Frauen zerreißen Tiere, weil sie sie für Männer gehalten haben», oder so ähnlich. Der wütende Gott Dionysos aber, der die thebanischen Frauen auf fatale Weise in seinen Bann zieht, steht nicht etwa für den Ibiza-Protagonisten Heinz-Christian Strache (FPÖ), sondern für den immer noch jugendlichen, nach wie vor äußerst populären Bundeskanzler Sebastian Kurz (ÖVP) – die böseste Pointe eines Stücks, das selbst mehr Satyrspiel als Tragödie ist.

Zu den Running Gags des Textes gehören fantasievolle Synonyme für den in Ibiza in Kombination mit «gebranntem Wasser» konsumierten Energy Drink («das berühmte Kraftlacklelixier») ebenso wie Variationen auf Straches im Ibiza-Video dokumentierten, einigermaßen paradoxen Hinweis darauf, dass alle besprochenen Schweinereien selbstverständlich im Rahmen der Gesetze bleiben müssten. Bei Jelinek klingt das so: «Alles hat im Rahmen der Gesetze stattzufinden, außer die Gesetze sind gegen uns gerichtet.» Oder so: «Alles im Rahmen der geltenden Gesetze, noch gelten sie.»

Um alle Pointen des Textes zu erkennen, sollte man sich in letzter Zeit allerdings etwas genauer mit österreichischer Innenpolitik beschäftigt haben; neben Ibiza selbst verarbeitet Jelinek in «Schwarzwasser» nämlich auch noch andere Skandale und Skandälchen des vergangenen Jahres. Etwa den Fall eines KlimaschutzAktivisten, der während einer Demo in Wien festgenommen wurde und dabei mit dem Kopf unter einem Polizeiauto zum Liegen kam, das ihn dann beinahe überrollt hätte: «Sie haben da etwas Reifenprofil auf der Wange! Soll der andre Reifen es Ihnen wegwischen?»

Oder auch die sogenannte Schredder-Affäre: Nach der Auflösung der Regierung hatte ein Mitarbeiter des Kanzleramts bei einer Firma namens Reisswolf fünf Druckerfestplatten schreddern lassen; um wirklich ganz sicher zu gehen, war er dabei persönlich anwesend und bestand darauf, dass der Vorgang zwei Mal wiederholt wurde. Ruchbar wurde die zumindest seltsame Aktion übrigens nur, weil der Mann die Rechnung nicht bezahlte, woraufhin Reisswolf Anzeige erstattete: «Für Vernichtung muss immer bezahlt werden, was dieser Mitarbeiter aber vergessen hat».

Den vollständige Beitrag zu Elfriede Jelineks neuem Stück
von Wolfgang Kralicek lesen Sie in TH 4/20.