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Italiener in Moskau

Der Tänzer Jacopo Tissi

Jacopo Tissi, wie verschlägt es einen Italiener ans Bolschoi? Es ist ja nicht so, dass die Russen einen Mangel an nationalem Tänzernachwuchs hätten ... 
Nein, das kann man nicht behaupten. Ich denke, es gehört wie immer im Leben Glück dazu. Schon 2015 hat mich Makhar Vaziev, damals Direktor des Scala-Balletts, nach Mailand geholt. Er hat großes Vertrauen in mich gesetzt, war so etwas wie mein Mentor. Er hat mich – als 19-Jährigen – in Alexei Ratmanskys «Dornröschen» an die Seite von Svetlana Zakharova gestellt! Wer kriegt schon solche Chancen?! Ich habe also keinen Moment gezögert, als Vaziev mir anbot, ans Bolschoi zu wechseln, wo er selbst seit 2016 als Ballettdirektor amtiert. 

Was hat er Ihnen versprochen? 
Versprochen? Er hat mich vor allem gewarnt! «Du wirst dort so hart arbeiten, wie du es dir nicht annähernd vorstellen kannst.» Das hat er gesagt. Und er hat recht gehabt. Ich war zumindest psychologisch vorbereitet, als ich in Moskau eintraf, denn es ging wirklich beinhart los. 

Was war so schwer? 
Das eine war die Konfrontation mit einer ganz anderen Sprache, mit einer anderen Kultur. Ich musste sehr schnell Russisch lernen, denn sonst kriegt man keine Kommunikation zustande. Und das Wetter war auch gewöhnungsbedürftig – gleich im ersten Winter fast -30 Grad, da habe ich schon geschluckt. Und dann waren die Anforderungen tatsächlich strapaziös: Ich ging und ich kam an meine Leistungsgrenzen. Am meisten geholfen hat mir wahrscheinlich mein unstillbarer Hunger nach neuen Herausforderungen.

Sie sind nach langer Zeit der erste Italiener, der am Bolschoi-Ballett engagiert wurde. Wie haben die Kollegen reagiert? 
Zuerst waren wir natürlich neugierig aufeinander und beschnupperten uns gegenseitig. Ich erhielt viel Unterstützung, musste mich aber vor allem auf die Moskauer Mentalität einstellen. Da geht es schon anders zur Sache als in Italien, weniger verspielt.

Wie sind Sie mit all den Veränderungen umgegangen? 
Ich habe ganz viel geschaut, gestaunt, einfach die Dinge auf mich wirken lassen. Während meines ersten Jahres habe ich jeden Abend im Backstage-Bereich verbracht, sah mir die Vorstellungen an und hörte genau hin, was jeder zu sagen hatte. Ich saugte jedes Detail auf wie ein Schwamm – das war sicher die beste Möglichkeit, mich mit der neuen Kultur vertraut zu machen.

Das gesamte Gespräch mit Jacopo Tissi
von Silvia Poletti lesen Sie in tanz 4/20