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Alles ist leer

Hans van Manen entdeckte Beethoven für das Ballett

Beethoven hat gerade mal zwei Stücke komponiert, die explizit nach Tanz verlangen: ein «Ritterballett» und «Die Geschöpfe des Prometheus». Und kaum eine Interpretation kann sich dauerhaft auf der Bühne behaupten, nicht einmal «Die Geschöpfe des Prometheus», choreografiert von Frederick Ashton vor fünfzig Jahren zum Beethoven-Fest in Bonn. Nur Hans van Manens Ballette auf Musik von Beethoven finden sich seit vielen Jahren im internationalen Repertoire. «Adagio Hammerklavier» entstand 1973 für Het Nationale in Amsterdam.

Van Manen: Ich wollte etwas total Anderes: ein Adagio. Alle, die ich mir angehört habe, waren entweder zu kurz oder wie bei Mahler viel zu lang. Da kam mir ein Zufall zu Hilfe: ein junger Pianist hörte sich in meiner Wohnung eine Schallplatte an. Die Musik war mir unbekannt: das Adagio aus der «Hammerklavier-Sonate», gespielt von Christoph Eschenbach. Mir war sofort klar: das war die Musik, die ich suchte. Was ich nicht wusste, dass Eschenbach 24 Minuten für das Stück braucht, das ein Pollini in 14 Minuten spielt. Bei allen Aufführungen bestand ich auf seinen Zeitmaßen. Das «Adagio Hammerklavier» bleibt Eschenbach, wer auch immer es spielt. Ich wollte zum Abschluss eine Hebung. Alles Mögliche habe ich probiert. Schließlich kam ich auf die Idee, die Hebung anzuhalten. Das Paar dreht sich um, und erst als die Ballerina begreift, dass die Bühne leer ist, dass sie alleine ist, wendet sich der Partner und trägt die Tänzerin von der Bühne, ohne dass der Zuschauer sieht, wie die Hebung endet. Alles ist leer. Die ganze Welt wirkt in diesem Moment wie verlassen: Interpretationen, von denen ich nie etwas erzählen würde. Ich sage nur, wie sie den Blick wenden sollen. Und warum.

Der angehaltene Sprung wirkt wie eine Fermate, die Spannung schafft. 
Vor allem aber ein Grund, um abzugehen. Aktion – Reaktion. Alles gehorcht diesem Prinzip. Es geht nie um etwas Erzählerisches. 

Ein «gelungenes» Ballett, wie Sie mit dem Ihnen eigenen Understatement sagen würden. Und eins, das Balanchines Meinung, Beethoven ließe sich nicht choreografieren, zu widersprechen scheint.
Ich jedenfalls habe nie das Gefühl gehabt, dass sich Beethovens Musik nicht choreografieren lässt. Aber Balanchine muss man nicht in jedem Fall Glauben schenken. Seine späten Strawinsky-Ballette erwecken durchaus den Eindruck, dass er dasselbe auch zu Beethoven-Musik gekonnt hätte.

Das gesamte Gespräch mit Hans van Manen
von Hartmut Regitz finden Sie in tanz 4/20