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Laut, exzessiv und fast immer lustig

Carl Hegemann zum Tod des Schauspielers Volker Spengler

Sein tollstes Theater sah ich in Berlin, wo er kaum, dass ich 1992 in der Volksbühne angefangen hatte, ebenfalls aufschlug, zunächst nicht an der Volksbühne, sondern beim Berliner Ensemble von Peter Palitzsch, Fritz Marquardt, Peter Zadek und Heiner Müller. Was er dort spielte, war toll – zum Beispiel sein Baal –, und was er in Schlingensiefs Filmen trieb («Das deutsche Kettensägen-Massaker», «Terror 2000 – Intensivstation Deutschland»), die damals entstanden, war noch toller.

Aber sein tollstes Theater erlebte ich damals in unzähligen Nächten im sogenannten Künstlerlokal «Diener» in der Charlottenburger Grolmannstraße, wo er seinen dauerreservierten Stammplatz hatte, fast jede Nacht Hof hielt und seine wahren Performances aufführte. Die waren laut, exzessiv und fast immer äußerst lustig, mit unterschiedlichen Besetzungen und vielen grandiosen Eklats. Der ehemalige Frankfurter Dramaturg Horst Laube und sein Freund Heiner Müller waren auch oft da. Es waren einfache nächtliche Kneipenrunden, die als Medium das Theater alt aussehen ließen.

Als Martin Wuttke und ich nach dem Tod Heiner Müllers 1996 zur Leitung des Berliner Ensembles gehörten, an dem auch Volker immer noch engagiert war und mit Wuttke ausdauernd in Heiner Müllers letzter Inszenierung «Arturo Ui» spielte, wurde der «Diener» auch eine Art BE-Zweigstelle, wo er uns unverblümt und kneipenöffentlich mitteilte, was alles schief lief. Damals war er unser schärfster, aber auch verständnisvollster Kritiker. Er performte im «Diener» auch regelmäßig seinen Alltag im BE. Dort teilte er mit Bernhard Minetti die Garderobe, der ihm oft erklärte, dass er auf der Bühne sterben wolle.

Das machte Volker Angst. Er hasste Theaterromantik. «Wenn er das macht – auf der Bühne sterben –, dann mache ich gar nichts. Ich gehe einfach ab und in die Garderobe, zieh mich um und gehe nach Hause.» Das erzählte er mir aufgebracht im «Diener». Keine Ahnung, warum ich gerade diese Sätze so genau erinnere. Vielleicht, weil er das genau zu der Zeit erzählte, als er mit großer Selbstverständlichkeit und tiefer Traurigkeit seinen Lebenspartner Bob Dorsey pflegte, der Aids hatte und im Sterben lag – und mit dem er 20 Jahre zusammen war.

Die gesamten Erinnerungen Carl Hegemanns
an Volker Spengler finden Sie in Theater heute 4/20