Rezensionen März 2022
Ernst Jandl: «humanistää!» am Wiener Volkstheater
«Aus der Fremde», der einzige abendfüllende Theatertext des als Lyriker berühmten Ernst Jandl (1925–2000), ist einerseits ein Meisterwerk und andererseits das Ergebnis einer schweren Schreibkrise. Der Autor hatte den Auftrag angenommen, für den Steirischen Herbst 1979 ein Stück zu schreiben, und ist daran beinahe verzweifelt. Erst als er schon darüber nachdachte, wie er vom Vertrag zurücktreten könne, kam ihm die rettende Idee. «Zweieinhalb Jahre lang tappte ich im Dunkeln», erzählte Jandl 1984 in seiner Büchnerpreis-Rede, «ehe ich mit der einzigen Figur in Berührung kam, die sich von mir vielleicht auf die Bühne stellen ließ, und das war ein Fremder, nämlich ich selbst.»
Die Figuren «er» und «sie» stehen natürlich für Ernst Jandl und Friederike Mayröcker; das Langzeit-Dichterpaar hatte getrennte Wohnungen, und auch das in «Aus der Fremde» geschilderte Ritual dürfte gelebte Beziehungsrealität gewesen sein: Er ruft sie vormittags an und lädt sie ein, ihn zu besuchen; sie kommt zum Abendessen und fährt anschließend im Taxi wieder nach Hause; dort angekommen, ruft sie an und wünscht eine gute Nacht. Am nächsten Tag ruft er wieder an und fragt, ob sie ihn besuchen kommen will, und so weiter. Auch für die dritte Figur «er2», einen gegen Ende des Stücks zu Besuch kommenden Freund, gab es eine reale Vorlage (den Wiener Literatur- und Theaterkritiker Hans Haider).
Und doch ist «Aus der Fremde» weder Schlüsseldrama noch Nabelschau. Worum geht es sonst? Um «Alltagsdreck», sagt der Autor im Stück über sein Stück, das er als «Chronik der laufenden Ereignislosigkeit» bezeichnet. In einem Programmhefttext hat Jandl das Drama ganz unverblümt als «Darstellung einer Depression» beschrieben. Es geht um die Zumutungen des ganz normalen (Dichter-)Lebens und dessen immer gleiche Rituale, um die alltäglichen Qualen der Existenz und, nicht zu vergessen, um die notorische Frage, warum das mit Magerquark bestrichene Knäckebrot eigentlich «immer mit der bestrichenen seite zu boden fallen müsse». Dem Kitchen-sink-Naturalismus und der Küchenpsychologie konventioneller Künstlerdramen entgeht «Aus der Fremde» durch seine strenge Form. Es ist nicht zu übersehen, dass wir es mit dem Werk eines experimentellen Lyrikers zu tun haben: Die Figuren sprechen ausschließlich im Konjunktiv miteinander, ihre Texte sind aus dreizeiligen, durchnummerierten Mini-Strophen zusammengesetzt.
Die gesamte Rezension von Wolfgang Kralicek lesen Sie in Theater heute 3/22