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Alles Komödie?

Paris feiert den 400. Geburtstag Molières

Molières Theater, dürfen wir nicht vergessen, war kein fortschrittliches Theater. Das avantgardistische Theater seiner Zeit war das der aufkommenden Klassiker, Racine, Corneille, das sich ganz auf die Rede konzentrierte, das schön gedachte, in schöne Verse gebrachte Wort, das auf der Bühne zelebriert wird. Eine Auffassung nebenbei, die bis heute weite Teile des französischen Theaterbetriebs beherrscht. Molières Theater stand dem entgegen mit barocker Wucht: als ein körperliches, komödiantisches, durchaus auch wortgewandtes und wortwitziges Theater, aber niemals zeremoniell, und niemals psychologisch. Molières Protagonisten bestehen ja in der Regel aus einem einzigen, meist nicht besonders angenehmen Charakterzug. Der Geizige ist geizig, der Menschenfeind hasst die Menschen, der eingebildete Kranke hypochondriert. Er hat das Prinzip der italienischen Commedia dell’arte und der französischen Farce zur Vollendung gebracht, nach dem ein tyrannischer Vater seine Tochter mit jemand anderem verheiraten will als dem, den sie liebt. Was seine Komödien aber bis heute und in alle Zukunft haltbar macht, ist, dass sie gerade so gut Tragödien sein könnten. Zum Beispiel «Tartuffe», sein meistgespieltes Stück: Wie ein Parasit dringt der falsche Prophet in den Haushalt von Monsieur Orgon und seiner Familie ein und spaltet sie.

Erst als er Orgons Frau alles andere als religiöse Avancen macht und diese es ihrem Gatten vorführt, in der berühmten Szene mit dem betrogenen Beobachter unter dem Tisch, will Orgon ihn aus dem Haus werfen – dummerweise nur gehört ihm das Haus gar nicht mehr, sondern eben Tartuffe, wie auch sein gesamtes Vermögen und heikle Revolutionspapiere, die ihm jetzt gefährlich werden könnten. Orgon stünde vor dem Nichts, griffe nicht ziemlich unvermittelt der aufgeklärte König selbst ein, ließe Tartuffe verhaften und brächte alles wieder ins rechte Lot. Der abrupte Schluss ist eine Hommage Molières an Ludwig XIV., der ihn unterstützte und gegen die katholische Kirche in Schutz nahm – aber er zeigt doch auch, wie nah bei Molière das Komische und das Tragische beieinander liegen. Wenn wir über Molières Figuren lachen, lachen wir, weil wir wissen, dass es schon gut ausgehen wird. Was uns dabei kitzelt, ist, dass das Gegenteil ebenso gut möglich wäre.

Den gesamten Beitrag von Andreas Klaeui lesen Sie in Theater heute 3/22