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Wahrheitssucher

In memoriam Hans Neuenfels

Das Glück des Aufstiegs in die oberen Hallen der Opernkunst gelang Neuenfels definitiv in Frankfurt am Main, da er sich dort mit zwei Intellektuellen der Künste verbinden konnte: mit dem Musikdirektor und Opernintendanten Michael Gielen und dem Dramaturgen Klaus Zehelein. Ruth Berghaus, die ehemalige Dresdner Tänzerin und Regisseurin aus Ost-Berlin, war entscheidend daran beteiligt, aus der Frankfurter Oper das führende Musiktheater der Republik in den 1980er-Jahren zu machen. Neuenfels erhielt dort die nötigen Lektionen, «da wurde ich mit Analysen und theoretischen Auseinandersetzungen fit gemacht». Hervorgerufen hat die Frankfurter Gielen-Ära, neben Patrice Chéreaus Bayreuther «Jahrhundert-Ring», ein zeitgenössisch neues Opernbewusstsein in Deutschland, des «Regietheaters» der ästhetischen und sozialen Gegenwartsbilder. Mit Giuseppe Verdis «Aida» als epochalem, 1981 noch schockierendem Fanal einer modernen Inszenierung, Neuenfels’ berühmteste Aufführung in Erich Wonders Bühnenbild. Sie behielt den «Kultstatus» bis heute.

Die ästhetische und sozialkritische Tiefenbohrung an dem Stück gelang Neuenfels und Zehelein, da sie die Handlungsmotive der vor Kriegsgeschrei und Hass bebenden Pharaonenoper – wohlgemerkt im Kammerspiel einer großen Liebe –, also den nationalen Kampf Ägyptens gegen Äthiopien, radikal ins Heute überführten. Die schöne äthiopische Königstochter Aida, Sklavin am ägyptischen Hof, wischt als Putzhilfe ihrer ägyptischen Liebesrivalin die Böden des Herrscherpalastes. Es triumphiert brutal der Militarismus einer Staatsreligion, in Verdis Antiklerikalismus. Und die berüchtigte Triumphmarsch-Szene im zweiten Akt, stets Anlass für dummen Opernpomp, zeigt den gewalttätigen Rassismus der Sieger gegen die Besiegten. Noch nie hatten Opernbesucher das geniale Stück, 1871 zur Eröffnung des Suezkanals in Kairo aus der Taufe gehoben, derart wahrheitsgetreu, neu gedacht wahrgenommen. Aufsehen erregte Hans Neuenfels in Frankfurt weiterhin mit Inszenierungen zweier Werke nahezu vergessener Komponisten der 1920er-Jahre: Franz Schrekers «Die Gezeichneten» und Ferruccio Busonis «Doktor Faust». Aber Verdi hatte ihn gepackt, zwang ihn zur Fortsetzung, an der Deutschen Oper Berlin mit «La forza del destino», «Nabucco» und «Rigoletto», später mit «La traviata» an der Komischen Oper Berlin. Dort wagte er sich 1986 sogar ins Amt der Theaterintendanz an der Freien Volksbühne: Mit riskanten Avantgarde-Premieren und einem sehr jungen Ensemble, auch Leitungsproblemen, scheiterte er nach vier Jahren.

Erstaunlich spät, erst 1998, gelangte Neuenfels in die Landschaft Mozarts. An der Staatsoper Stuttgart, wo jetzt Klaus Zehelein das Haus führte, gelang ihm mit der «Entführung aus dem Serail» eine überraschende Neuinterpretation: Neuenfels löste das immerwährende Rätsel «Singspiel», gesungene und gesprochene Oper, beherzt durch einen szenischen Eingriff ins Überlieferte, ohne die Partitur Mozarts anzutasten: Sänger agieren mit Schauspielern als ihren Doppelgängern simultan auf der Bühne, mit ihren «Psychoschatten» im Existenzkampfspiel der Liebe.

Den gesamten Nachruf von Wolfgang Schreiber lesen Sie in Opernwelt 3/22