Inhalt

Karl Valentin

Auf den Spuren eines unübertroffen Widerspenstigen

Nein, bitte keine Hommage! Die hätte er sich bitterlich verbeten. Wenn schon, dann eine demütige Demontage, mit Wiedergebrauchsanleitung womöglich ... Ein durchaus ambivalentes Verhältnis unterhalten die Münchner zum seinerzeit frenetisch gefeierten und zu Lebzeiten auch wieder vergessenen Sohn ihrer Stadt Karl Valentin, dem Größen wie Brecht und Beckett ihre Reverenz erwiesen und dessen Kunst der Komik in Sprache und Körper stets vom Schlimmsten ausging: dem unbezähmbaren Schrecken des Alltags, gepaart mit der ewigen Angst vor dem Untergang.

Ein Leben zwischen Ruhm und Pleiten, Glanz und grummelndem Verstummen in der inneren Emigration bis zum beinahe buchstäblichen Verhungern, als ihn nach dem Zweiten Weltkrieg kaum mehr jemand sehen oder hören wollte. Gestorben ist er an den Folgen einer Lungenentzündung, die er sich geholt haben soll, als man ihn versehentlich über Nacht im eisigen Keller seiner letzten Wirkungsstätte, des Kabaretts «Bunter Würfel», eingeschlossen hatte. Was für ein Finale! Zuvor hatte noch der Bayerische Rundfunk eine geplante Hörfunkreihe kurzfristig wieder eingestellt, weil die Hörer Valentins Humor als zu pessimistisch empfanden. Dass bei der Beerdigung am Aschermittwoch des Jahres 1948 kein einziger offizieller Vertreter der Stadt zugegen war, muss da kaum noch erwähnt werden.

Erst in den 1960ern – da war Valentins Nachlass mangels Interesse seiner Heimatstadt schon für wenige Tausend Mark an Carl Niessen und die theaterwissenschaftliche Sammlung der Universität Köln verkauft worden – begann die Wiederentdeckung und späte Würdigung auch in München. Das eigene Genre, das er mit seinen Valentiniaden geschafte ihn auch über seine legendären Liveauftritte mit den Tingeltangel-Programmen hinaus berühmt, zusammen mit seiner kongenialen Gefährtin Liesl Karlstadt, die ihn bis an den Rand des Nervenzusammenbruchs und darüber hinaus auf der Bühne begleitete. Womöglich jedoch hat die flmische Überlieferung von Valentins und Karlstadts körperlicher Präsenz und Präzision auf der Leinwand der Wiederaufführung der Werke langfristig eher geschadet als genutzt, weil im direkten Vergleich das unerreichbare Original alles zu dominieren schien. Dabei lagert in den geschliffenen Szenen und sarkastischen Minidramen des manischen Sprachverdrehers noch jede Menge unverbrauchte Anarchie, auch jenseits so bekannter Bonmots wie «Kunst kommt von Können, nicht von Wollen, sonst müsste es ja Wunst heißen».

Den gesamten Beitrag von Silvia Stammen lesen Sie in Theater heute 2/23