Das Volk von Peking, ist der heimliche Hauptakteur in der Amsterdamer «Turandot». Eine amorphe wie bedrohliche Masse von Menschen, die in einem Moment dem Blutrausch verfällt und im nächsten um Gnade winselt. Eine wilde Horde, die verführbar ist, fremdgesteuert, zugleich voller Hass und voller Mitleid. Wie beides zusammengeht, zeigt Barrie Kosky in seiner markerschütternd-fatalistischen, von Otto Pichler furios choreografierten Inszenierung. Anfangs liegt der Chor der Nederlandse Opera auf dem Boden, man befürchtet schon, dass es sich um eine castelluccianische Ansammlung von Leichen handelt, doch plötzlich zucken einhundert Hände hoch, parallel zu den Schlägen aus dem Graben, wo Lorenzo Viotti sein Orchester, das Nederlands Philharmonisch Orkest, zu einem rhythmisch prägnanten, rhetorisch schneidend gewetzten Spiel antreibt. Schon bei der «Tosca» in der vergangenen Saison war dieser Klang bisweilen brachial und so zugespitzt, dass man sich beinahe in einer Oper kurz nach 1945 wähnte. Und auch diesmal schärft Viotti die Artikulation und treibt seine Musikerinnenb und Musiker mit majestätischer Geste zu einem prononcierten, in Teilen fast provozierend hässlichen Spiel an. Die Abgründe dessen, was auf der Bühne geschieht, wirken so noch tiefer, als sie es ohnehin schon sind.
Überall lauert der Tod, nicht nur in der Musik. Wenn die drei fiesen, dabei höchst eloquenten Schergen der Macht – Ping (Germán Olvera), Pang (Ya-Chung Huan) und Pong (Lucas van Lierop) – im zweiten Akt von ihrer Sehnsucht singen, von der Heimat, die sie hinter sich lassen mussten, dann halten sie alle drei Totenköpfe in die Luft, die für sie singen. Die «Minister» selbst sind längst Teil des Unterdrückungsapparats geworden, der alles niedermäht, was nicht systemkonform ist. Das Totenkopfbild ist brillant, weil es nicht dem Naheliegenden verfällt, sprich: eine harsche Kritik am autoritären Regime des heutigen China formuliert, sondern vielmehr die Metapher sucht. Masse und Macht definiert sich nicht durch lokale Zuschreibung, sie ist menschengemacht, allerorten in der wüsten, wilden, weiten Welt. Jenes China, das in der Oper evoziert (und illustriert) wird, ist nur ein Beispiel von vielen. Ein Signifikat.
Den gesamten Beitrag von Jürgen Otten lesen Sie in Opernwelt 2/23