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Back to the Future

Ein neuer Ballettdirektor in Paris

Es waren sieben stürmische Jahre an der Pariser Opéra. Aber nun soll Normalität einkehren. Endlich. Auf Benjamin Millepieds abrupten Abgang als – very short-lived – Directeur de la danse folgte 2016 Aurélie Dupont, die ihrerseits im Sommer 2022 dem Palais Garnier den Rücken kehrte (tanz 7/22). Beide waren in einen Konflikt mit dem jeweiligen Generaldirektor und den Tänzer*innen gesteuert. Es knatschte gewaltig im Gebälk des Palastes. Und im vergangenen November verkündete auch noch der frisch gekürte Danseur étoile François Alu in allen Medien seinen Abschied von der Opéra (tanz 12/22), sodass die interne Krise direkt auf das Bühnengeschehen durchschlug und für jedermann sichtbar wurde. Also brauchte es für die Dupont-Nachfolge jemanden mit genug Erfahrung und Persönlichkeit, um endlich glaubwürdig für Ausgleich und Harmonie einzustehen. Und das möglichst schnell!

So wurde im August eine Findungskommission einberufen, um der Opéra ihre*n Erlöser*in in die Krippe zu legen. Und tatsächlich erschien zum Beginn der Adventszeit am Horizont das Bild eines gnädigen Herrn mittleren Alters, eines ehemaligen Danseur étoile, der auf der Bühne des Palais Garnier lange als liebenswerter, eleganter Prinz die Herzen erobert hatte. Nach seiner Bühnenkarriere pilgerte er 2011 in sein Geburtsland Spanien, dessen Kultur er im Grunde nur noch oberflächlich kannte. Erfolgreich war er dort trotzdem. Nach acht Jahren als Intendant der Compañía Nacional de Danza in Madrid – länger ging aufgrund der Regularien nicht – und den Corona-Jahren, die er durch Europa tourend als freier Choreograf verbrachte, kehrt José Martinez nun zurück an das gebeutelte Haus an der Seine. Nicht auf die Bühne, sondern in der Rolle des Heilands. Und die steht ihm gut, auch äußerlich. Ließe er sich die Haare lang wachsen, käme sein Porträt Leonardo da Vincis «Salvator Mundi» durchaus nahe. Aber es geht ja «nur» um die Rettung eines der größten Ballettheiligtümer dieser Welt. Mann des Ausgleichs «Ballet is not dead» könnte sich Martinez, der klassischer als seine beiden Vorgänger denkt, auf die Fahnen schreiben. Doch das Motto, mit dem er die Findungskommission davon überzeugte, dass die Pariser Opéra mit ihm wieder glücklich wird, lautete: «Entwicklung in Ruhe und Gelassenheit». Das klingt nicht spektakulär, aber der unaufgeregte 53-Jährige traf damit den richtigen Ton. Dank seiner Politik des Ausgleichs soll, wie er sagt, «der zeitgenössische Tanz wieder in den Spitzenschuh schlüpfen». Und tatsächlich hat man genau das in den letzten Jahren im Palais Garnier nicht mehr gesehen: neue Stücke, für die Truppe und mit ihr kreiert, die aus dem klassischen Fundus schöpfen. Einer der letzten, die dort so etwas wie entrechats und développés auf die Bühne brachten, war ausgerechnet Benjamin Millepied, bezeichnenderweise bevor er die Leitung der Truppe übernahm. Martinez‘ Beobachtung ist umso stichhaltiger, als er die Entwicklung tanzend am eigenen Körper erlebte.

Den gesamten Beitrag von Thomas Hahn lesen Sie in tanz 2/23