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Rezensionen Februar 2023

Tournemire: «La Legende de Tristan» in Ulm

Was die Entdeckung von Tournemires «La légende de Tristan» zum Ereignis macht, ist die weit über alle Vorbilder des französischen Wagnérisme – Emmanuel Chabriers «Gwendoline» (1886), Vin#cent d’Indys «Fervaal» (1897), Ernest Chaussons «Le roi Arthus» (1903) oder Albéric Magnards «Bérénice» (1911) – hinauszielende Musik. In ihrer strikt syllabischen Wortdeklamation folgt sie Debussys «Pelléas et Mélisande», greift in einer oft schroffen, avancierten Harmonik neben dem Impressionismus aber auch expressionistische, ja sogar atonale Anregungen auf und amalgamiert das Ganze zu einer herben, im Umfeld des Neoklassizismus und Surrealismus der 1920er-Jahre einzigartigen Polystilistik. Tournemire gibt dem lyrischen Innenleben Tristans und Iseuts Raum, charakterisiert den Zwerg Frocin durch einen minutiös notierten Sprechgesang und bindet den großbesetzten Chor fast im Sinne der überkommenen Grand Opéra mal dramatisch, mal kommentierend, aber stets architektonisch ausbalanciert ins Geschehen ein. Nicht zuletzt erweist er sich als ein genialer Instrumentator – von den gestisch sprechenden Soli vor allem der Holzbläser, immer wieder auch der Harfe oder der Pauke mit ihrem thematischen Einsatz vor dem Liebestrank, bis hin zu den fünf symphonisch großformatigen Orchestezwischenspielen, die die Handlung weniger überbrücken als reflektieren und weitertreiben. Das engagierte, gleichermaßen poetische wie emphatische Spiel des Ulmer Orchesters unter der Leitung seines jungen GMDs Felix Bender war eines der Glanzlichter des Abends.

Den gesamten Beitrag von Uwe Schweikert lesen Sie in Opernwelt 2/23