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Rezensionen Februar 2023

Foto: Philip Frowein

Elfriede Jelineks «Sonne/Luft» in Zürich

Elfriede Jelineks «Sonne/Luft» (der Stückabdruck liegt der aktuellen Theater heute bei), dessen erste Hälfte in Zürich uraufgeführt wurde, betrachtet die Klimakatastrophe von der Sonnenseite – nämlich von der Seite der Sonne. Unter ihr die Erde, die Elemente, die Menschen, denen sie gerne Gutes tut, solange die Dosis stimmt: «Ich bin da, um den Menschen Bräune zu geben. Und danach Schwärze.» In einem rasenden Textsturz arbeitet sich die auktoriale Sonnengöttin durch die finalen Merkwürdigkeiten unter ihr. Alle wissen Bescheid, was kommen wird – und machen doch im Großen und Ganzen weiter wie bisher. Legen sich an den Strand, wo sie ihre Haut verbrennen, fahren Auto, roden die Wälder, als gäbe es kein Morgen, und reden, reden, reden wie die Autorinnensonne selbst. Bis sie sich selbst dereinst – wie vorher alles unter ihr – zu Stein verbrannt haben wird. Nicht einmal das Wasser kann da noch helfen: «Es wird rückstandslos verdampfen.» Nicolas Stemanns Zürcher Inszenierung nimmt lange Anläufe. Immer wieder tönt T.S. Eliots Endzeit-Klassiker «The Hollow Men» vom Band mit den schon zu Tode zitierten letzten Grüßen, dass die Welt ende «not with a bang, but a whimper». Immer wieder ist Greta Thunbergs leicht überpathetische Stimme mit verzweifel#ten Mahnungen zu hören. Lange versammeln sich die Schauspieler:innen – Alicia Aumüller, Daniel Lommatzsch, Karin Pfammatter, Sebastian Rudolph, Lena Schwarz und Patrycia Ziolkowska – als schwarzverhüllte Lebendtote unter der Sonnenscheibe (Bühne Katrin Nottrodt) und besprühen sich aus Wasserfaschen. Immer öfter stürzen sie sich dann in neue Kleider (Katrin Wolfermann) für kleine Sketche aus der unverbesserlichen Menschendummheit: Alicia Aumüller aufgekratzt blödelnd am Strand, Sebastian Rudolph und Daniel Lommatsch pala#vernd an der Bar, später als betrunkene Petrolheads; eine dreiköpfge Sonne, die per Nacht und Tag die Zeit vorgibt und gerne verschwin#det, wenn’s dringend wird: «Ich bin dann mal wieder weg.» Dazwischen eine Parade aussterbender Arten oder besinnliche Intermezzi zu elegisch fallenden Quarten der Begleitmusikperformer Thomas Kürstner und Sebastian Vogel: Wimmelbilder des Unvermeidlichen, Collagen der Dissonanz.

Die Zürcher Sonnenanbeter probieren zweieinhalb Stunden lang die unterschiedlichsten Töne – Anklage, Betroffenheit, Panik, Ignoranz, Elegie – und fnden dabei doch nur wenige szenische Widerhaken. Alle Zugriffe passen ein bisschen und gleiten doch weitgehend folgenlos wieder ab. Genauso wie leider unser aller Umgang mit der Klimakatastrophe. So gesehen liefern Nicolas Stemann und sein Team eine durchaus zutreffende Beschreibung des Status quo: vorwärts in den Untergang. Am Ende lodern noch ein paar offene Feuer auf der Bühne, und ein riesiges Bärtierchen krabbelt ge lassen dazwischen herum: eines dieser widerstandsfähigen Mikroorganismen, die jahrelang im ausgetrockneten Zustand überdämmern können, bis ein Tropfen Wasser sie wieder erweckt. Keine Sorge also, das Leben geht weiter.

Den gesamten Beitrag von Franz Wille lesen Sie in Theater heute 2/23