Eine unmögliche Liebe

Einhundert Jahre nach ihrer Entstehung erlebt Charles Tournemires Traumtheater «La légende de Tristan» seine sensationelle Uraufführung am Theater Ulm

Den Namen Charles Tournemire (1870–1939) noch nie gehört zu haben, ist keine Schande. Der langjährige Pariser Organist, Schüler des berühmten Charles-Marie Widor, ist einzig in Orgelkreisen durch die Werke für sein eigenes Instrument bekannt. Seine acht Symphonien werden so gut wie nie gespielt. Drei seiner vier Opern blieben bis heute unaufgeführt, darunter neben einem Stück über Franz von Assisi auch der kühne Gegenentwurf zu Wagners «Tristan und Isolde».

Tournemires «La légende de Tristan», 1925/26 entstanden, verabschiedet schon im Titel Wagners romantische Liebestragödie. Das auf die keltischen Quellen zurückgreifende Libretto des Mediävisten Albert Pauphilet rückt die Handlung entschieden in eine legendenhafte Distanz, konzentriert sich in der Art eines episodischen Bilderbogens auf die Figur Tristans und weicht darüber hinaus in vielen Details vom Geschehen ab, das man aus Wagners metaphysischer «Geschlechtsoper» (Thomas Mann) kennt. 

Tournemire musikalisiert gerade nicht die rauschhafte Ekstase einer erotischen Folie à deuxzwischen Iseut und Tristan, sondern die Unmöglichkeit einer Liebe, die er als spirituelles Martyrium zeigt. Durch ein Versehen Brangiens trinken die ...

Weiterlesen mit dem digitalen Monats-Abo

Sie sind bereits Abonnent von Opernwelt? Loggen Sie sich hier ein
  • Alle Opernwelt-Artikel online lesen
  • Zugang zur Opernwelt-App und zum ePaper
  • Lesegenuss auf allen Endgeräten
  • Zugang zum Onlinearchiv von Opernwelt

Sie können alle Vorteile des Abos
sofort nutzen

Digital-Abo testen

Opernwelt Februar 2023
Rubrik: Im Focus, Seite 4
von Uwe Schweikert

Weitere Beiträge
Fingerspitzengefühle

Herr Wieler, in seinem neuesten Buch mit dem Titel «Vita contemplativa» beklagt der Philosoph Byung-Chul Han die Übereifrigkeit der kapitalistischen Produktionsgesellschaft. Wörtlich heißt es gleich zu Beginn seines umfangreichen Essays: «Die Untätigkeit ist eine Glanzform der menschlichen Existenz. Heute ist sie zu einer Leerform der Tätigkeit verblasst.» Ist...

Handel's Queen

Die Frau spinnt. Scheint völlig neben der Spur zu sein. Vermutlich eine Nymphomanin. An jedem Typen, der vorüberkommt, schnüffelt sie herum wie an einer Linie Koks; ob alt oder jung (der Typ, nicht das Kokain), spielt keine Rolle. Kein Zweifel kann daran bestehen, dass diese Morgana in ihrem Leben vor allem ein Ziel hat, und das besteht darin, Männer zu verführen....

In der Rumpelkammer des Glücks

Bereits im Vorwort seines berührenden Buches aus dem Jahr 2007 stellt Alexander Kluge klar, dass es ihm bei den 120 «Geschichten vom Kino» um das «Prinzip Kino» gehe, also um den erweiterten Begriff der Kunstgattung. Er halte dieses «Kino», schreibt Kluge, «für unsterblich und für älter als die Filmkunst», weil es auf einem zeitlosen Prinzip beruhe – darauf...