«Siegfried» als erste Wagner-Oper ist für einen Schauspielregisseur ein recht kühnes Beginnen. Ganz schlicht gefragt: Mögen Sie den Schöpfer dieses Werks?
Darauf gibt es keine einfachen Antworten. Wagner ist eine unglaublich ambivalente Figur, die es, denke ich, niemandem einfach macht, ihn und seine Werke zu decodieren. Er ist ein größtenteils großartiger Geschichtenerfinder und -erzähler, ein großer, extremer, umfassender Künstler, literarisch wie musikalisch revolutionär, darüber hinaus ein Figurenerzähler, wie es nur wenige in der Musikgeschichte gibt. Das Problem besteht darin, dass viele seiner Figuren durch die Rezeptionsgeschichte eindeutig determiniert und konnotiert sind – was sich in der Wagner-Rezeption bis heute darin niederschlägt, dass viele Wagnerianer schon vorher wissen, was sie sehen wollen und sich deswegen auf bestimmte Ansätze nicht mehr einlassen können, die versuchen den Blick zu weiten. Wagners Werke sind allerdings auch schon so häufig erzählt worden, dass es insbesondere für jüngere Regieteams wirklich nicht mehr einfach ist, eine neue Perspektive zu öffnen. Da habe ich ein großes Fragezeichen auch für die Zukunft der Wagner-Deutung.
Der Faktor Zeit
Der Regisseur Jossi Wieler
Würden Sie nach dem, was in Bayreuth und an zwei Berliner Opernhäusern zu sehen war, einer Denkpause in Sachen «Ring» zustimmen? Von der unterschiedlichen intellektuellen Fallhöhe abgesehen, haben alle drei Konzepte letztlich vor dem Werk kapituliert, weil sie entweder daran vorbeierzählt (und es nicht ernstgenommen) oder weil sie es übermäßig kontextualisiert haben. Sollte man nicht einmal innehalten und sieben goldene Jahre verstreichen lassen?
Ich kann Ihre Frage ex negativo beantworten: Wenn ich selbst als jüngerer Kollege von mir in diese sieben Wartejahre fallen müsste, würde ich es bedauern (schmunzelt). Was ich damit aber eigentlich sagen will: Nicht der Overkill von Wagner-Inszenierungen ist daran schuld, dass Sie auf eine solch charmante Idee kommen, sondern die Art und Weise, wie da gearbeitet wurde, unter welchen Bedingungen. Und damit kommen wir auf den wichtigsten Punkt dieser besonderen Kunstform: auf den Faktor Zeit. Für einen gesamten «Ring» braucht man selbst als erfahrener Regisseur sehr viel Zeit. Man braucht sie, damit man etwas entstehen lassen kann. Es reicht eben nicht, eine Inszenierung dieses Werks in wenigen Wochen «rauszukloppen». Ich habe das selbst bei der Wiederaufnahme von «Siegfried» erlebt. Wir hatten fünf Wochen und wir brauchten diese fünf Wochen, um die Figuren, ihre Beziehung zueinander zu klären, um das Ganze musikalisch, szenisch zusammenzusetzen. Das Schöne daran war: Die meisten Sängerinnen und Sänger waren kontinuierlich vor Ort. Und so muss es sein. Es geht auch um die innere Zeit, wenn man etwas entwickeln will. Sonst kommt man auf die schnellen Wagner-Antworten und stereotype Rollencharakterisierungen. Alle Wagner-Figuren sind höchst ambivalent, auch und gerade die negativ gezeichneten. Ein Mime, ein Alberich, ein Beckmesser – das sind Figuren, die sind, auch in politischer und moralischer Hinsicht, so ambivalent wie Wagner selbst es war. Er steckt in all diesen Figuren drin, in ihren Beziehungsschwierigkeiten und Liebesabstürzen. Da gibt es nicht nur ein Label, was man auf diese Figuren draufkleben kann. Vielleicht ist gerade das ein Problem der jüngeren Kolleginnen und Kollegen. Man will sich bewusst ab#setzen von dem, was es gab …
Das gesamte Interview von Jürgen Otten lesen Sie in Opernwelt 2/23
(Portrait: picture alliance)