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Verausgabungslust

Die Schauspielerin Henriette Hölzel

Auf Arbeitspartnerinnen und Arbeitspartner, durch die sich ihr Spiel schrittweise verändert hat, ist Henriette Hölzel glücklicherweise schon früh in ihrer Karriere getroffen. Die erste war die Regisseurin Pinar Karabulut, die sie 2015 – noch während des Studiums – in ihrer deutschen Maya-Arad-Yasur-Erstaufführung «Gott wartet an der Haltestelle» am Staatsschauspiel Dresden besetzte. Das Stück handelt von einer israelischen Soldatin und einer palästinensischen Krankenschwester – Hölzels Figur –, die sich an einem Grenzposten gegen#überstehen. «Als Studentin hatte ich natürlich einen riesigen Respekt davor, so eine große, emotionale Rolle zu spielen, aber Pinar hat mir absolutes Vertrauen entgegengebracht und mich von Anfang an bestärkt, Dinge auch einfach mal rauszuhauen, statt vorher ewig zu überlegen. Da musste – und das war wirklich enorm befreiend – nicht alles schön und nett sein.»

Inzwischen ist Henriette Hölzel neunundzwanzig, das Studium eingeschlossen seit zehn Jahren im Beruf, und sie weiß ziemlich gut, was sie interessiert und was weniger. «Method Acting ist absolut legitim und eine spannende Methode, aber ich persönlich muss nicht immer jeden Zustand auf der Bühne hundertprozentig erfühlen, um ihn darstellen zu können», sagt sie. Im Gegenteil: «Ich entwickle da manchmal beim Zusehen eher eine Distanz, weil ich denke, die Emotionen müssten doch jetzt vor allem bei mir als Zuschauerin ausgelöst werden.» Ohnehin könne «das körperliche, ausgestellte oder artifzielle Spiel» – übrigens gern in Komödienform – «viel berührender» sein als das naturalistische. «In der Realität sind ja auch die wenigsten Dinge unmittelbar nachvollziehbar», fndet Hölzel. «Was man von außen sieht, sind Körper, die  etwas Extremes tun, weil sie aus irgendeinem Grund auf gewühlt sind.»

Kein Wunder, dass die Schauspielerin Herbert-Fritsch-Fan ist. Ihr Fazit nach Ansicht entsprechender einschlägiger Abende von der «Spanischen Fliege» über «Ohne Titel Nr. 1» bis zum «Eingebildeten Kranken»: «Ich glaube, es gibt nichts, was anstrengender zu spielen ist als diese Disziplin im Slapstick, die Kontrolllosigkeit innerhalb der Form, die Tragödie unter der Komödie. In so einem Abend aufzutreten, wäre mein Traum!»

Gar nichts bekommt man von Henriette Hölzel hingegen zu hören, wenn man sie auf konkrete Wunsch-Rollen anspricht. Die Frage erweist sich als veritabler Kategorienfehler: «Ich weiß gar nicht, ob es wirklich darum geht, welche Rolle man spielt», denkt die Schauspielerin laut nach. «Viel wichtiger ist, dass man die Figur, die man bekommt, entsprechend anreichert, dass man schaut: Was für Themen interessieren mich gerade? Welche davon kann ich reinhauen, welche nicht? Und muss ich die Figur überhaupt so spielen, wie sie gemeinhin gelesen wird, oder geht das auch ganz anders?» Im Grunde lässt sich Hölzels Credo so zusammenfassen: «Toll, wenn die Figuren komplex sind – und wenn nicht, dann mache ich sie komplex.»

Ihr bei der Berufsausübung zuzusehen, ist in jedem Fall eine große Freude – zumal sie mit maximaler Souveränität zwischen verschiedensten Ästhetiken und Spielweisen switcht. Das reicht vom konzentrierten Hineinlauschen in die Sätze, wie sie es als Gesine Cresspahl in Camille Dagens Uwe-Johnson-Inszenierung «Mutmaßungen über Jakob» tut, bis zu jenem bewusst übersteuerten Stereotypen-Kabarett, in das sie sich – mit sichtlicher Verausgabungslust – als Hippiekommunen-Mitglied in Volker Löschs «Tartuffe»-Version hineinwirft. Und irgendwo dazwischen rangiert Tom Kühnels Produktion «Gundermann», in der Hölzel eine der sechs Versionen des «singenden Baggerfahrers» verkörpert und dabei, unter anderem, mit einer Stimmgewalt und einem fordernden Trotz den Gruben-Song «Brigitta» auf die Bühne knallt, dass man noch drei Stunden später Gänsehaut hat.

Das gesamte Porträt von Christine Wahl lesen Sie in Theater heute 2/23