Auf Arbeitspartnerinnen und Arbeitspartner, durch die sich ihr Spiel schrittweise verändert hat, ist Henriette Hölzel glücklicherweise schon früh in ihrer Karriere getroffen. Die erste war die Regisseurin Pinar Karabulut, die sie 2015 – noch während des Studiums – in ihrer deutschen Maya-Arad-Yasur-Erstaufführung «Gott wartet an der Haltestelle» am Staatsschauspiel Dresden besetzte. Das Stück handelt von einer israelischen Soldatin und einer palästinensischen Krankenschwester – Hölzels Figur –, die sich an einem Grenzposten gegen#überstehen. «Als Studentin hatte ich natürlich einen riesigen Respekt davor, so eine große, emotionale Rolle zu spielen, aber Pinar hat mir absolutes Vertrauen entgegengebracht und mich von Anfang an bestärkt, Dinge auch einfach mal rauszuhauen, statt vorher ewig zu überlegen. Da musste – und das war wirklich enorm befreiend – nicht alles schön und nett sein.»
Verausgabungslust
Die Schauspielerin Henriette Hölzel
Gar nichts bekommt man von Henriette Hölzel hingegen zu hören, wenn man sie auf konkrete Wunsch-Rollen anspricht. Die Frage erweist sich als veritabler Kategorienfehler: «Ich weiß gar nicht, ob es wirklich darum geht, welche Rolle man spielt», denkt die Schauspielerin laut nach. «Viel wichtiger ist, dass man die Figur, die man bekommt, entsprechend anreichert, dass man schaut: Was für Themen interessieren mich gerade? Welche davon kann ich reinhauen, welche nicht? Und muss ich die Figur überhaupt so spielen, wie sie gemeinhin gelesen wird, oder geht das auch ganz anders?» Im Grunde lässt sich Hölzels Credo so zusammenfassen: «Toll, wenn die Figuren komplex sind – und wenn nicht, dann mache ich sie komplex.»
Ihr bei der Berufsausübung zuzusehen, ist in jedem Fall eine große Freude – zumal sie mit maximaler Souveränität zwischen verschiedensten Ästhetiken und Spielweisen switcht. Das reicht vom konzentrierten Hineinlauschen in die Sätze, wie sie es als Gesine Cresspahl in Camille Dagens Uwe-Johnson-Inszenierung «Mutmaßungen über Jakob» tut, bis zu jenem bewusst übersteuerten Stereotypen-Kabarett, in das sie sich – mit sichtlicher Verausgabungslust – als Hippiekommunen-Mitglied in Volker Löschs «Tartuffe»-Version hineinwirft. Und irgendwo dazwischen rangiert Tom Kühnels Produktion «Gundermann», in der Hölzel eine der sechs Versionen des «singenden Baggerfahrers» verkörpert und dabei, unter anderem, mit einer Stimmgewalt und einem fordernden Trotz den Gruben-Song «Brigitta» auf die Bühne knallt, dass man noch drei Stunden später Gänsehaut hat.
Das gesamte Porträt von Christine Wahl lesen Sie in Theater heute 2/23