Wahrheit ist nicht einfach
Ein Gespräch mit Yael Ronen anlässlich ihres neuen Stücks «Slippery Slope»
«Slippery Slope» ist ein dichter Komplex aus Cancel Culture, #MeToo-Vorwürfen, Machtmissbrauchsfällen, echten und unechten Gefühlen, die von den Beteiligten dann wieder jeweils anders bewertet werden – und es steckt voller überraschender Wendungen, indem das, was in der einen Szene richtig erscheint, in der nächsten Szene wieder völlig über den Haufen geworfen wird. Gibt es denn im Zusammenhang mit solchen Vorwürfen keine einfachen Wahrheiten? Spielt die Kategorie Wahrheit da überhaupt noch eine Rolle? Oder ist Wahrheit in diesen Kontexten nur wieder eine andere Erzählstrategie?
Kann es in diesen Dingen einfache Wahrheiten geben? Für mich ist eine der Schönheiten des Konzepts Wahrheit, dass Wahrheit eben nicht notwendigerweise einfach ist. Das heißt nicht, dass Wahrheit nichts anderes wäre als nur noch eine weitere Erzählung, aber auf jeden Fall hat Wahrheit verschiedene Schichten. Es ist ein Raum aus verschiedenen Perspektiven. Und ich glaube, was wir gerade in diesen Zeiten wollen, ist in allem eine klare Polarität, klare Gegensätze erkennen. Klares Ja, klares Nein, klares Gut, klares Schlecht. Täter:innen, Opfer, Retter:innen, Held:innen. Und was wir mit «Slippery Slope» versuchen, ist ein tieferer Blick auf dieses Dreieck Retter:innen, Täter:innen und Opfer. Um die verschiedenen verdeckten Schichten dazwischen, und, ja, die Komplexität einer Geschichte zu erfassen.
«Slippery Slope» macht Spaß. Identitätspolitik und alles, was damit zusammenhängt, ist üblicherweise eine sehr ernste Sache – und kann doch tiefe Wunden, zerstörte Karrieren und alle Arten von Missverständnissen hinterlassen. Ist Humor ein möglicher Ausweg?
Humor ist für mich ein wichtiges Instrument im Werkzeugkasten. Gerade wenn es um todernste Dinge geht. Humor öffnet den Blickwinkel und erlaubt neue, erfrischende Perspektiven auf Zusammenhänge. Um sich daran zu erinnern, was ein guter Ort im Universum für uns sein könnte. In diesem Sinn trägt Humor eine Menge Wahrheit in sich.
In «Slippery Slope» gibt es keine unschuldigen Positionen. Entspricht das Ihren Erfahrungen im Theater? Denkt jeder nur an seine Karriere, so dass man jeder und jedem, der oder die sich beschwert, eine Strategie unterstellen muss?
Ich würde nicht sagen, dass es keine unschuldigen Positionen gibt, aber ich würde behaupten, dass es nicht eine einzige Position ohne einen blinden Fleck gibt. Das ist die frustrierende Konsequenz aus den verschiedenen Schichten der Wahrheit. Es gibt immer einen Punkt, der aus dem Blick gerät, es gibt immer Teile im Bild, die nicht vollständig sind, und gerade, was Leute über sich selbst denken, ist der allergrößte blinde Fleck. Das Scheitern oder Versagen von Figuren hängt meistens damit zusammen, wie sie sich selbst sehen und erfahren und wie die anderen sie sehen. Die Lücke zwischen ihrer eigenen Sicht auf sich und die der anderen.