Inhalt

Am Anfang war die Scham

Ein Tanz-Streifzug

Die Sittenwächterin «Scham» reguliert unterschwellig alle unsere sozialen Begegnungen. So manchem Psychologen gilt sie gar als «Master-Emotion». Sie sorgt dafür, dass wir uns konform verhalten, lernwillig sind, um den inneren Stress einer Scham-Attacke zu vermeiden. Im Mittelalter band man Menschen an den Pranger, den Schandpfahl. Heute überzieht man sie mit Shitstorms in den sozialen Medien, deren Beschämungs-Tyrannei so manchen vernichtet, gar in den Selbstmord treibt.

«Der Tanz spielt mit der Spannung zwischen Verbergen und Zeigen», meint Konrad Heiland, Psychoanalytiker und privat passionierter Theatergänger. «Der Tänzer zeigt seinen Körper, tritt ins Scheinwerferlicht, und gleichzeitig schützen ihn die Kunstfigur oder auch der Bewegungsfluss der Choreografie. Wer ‹bloßgestellt› ist, bewegt sich nicht mehr. Er steht da und alle können sehen, was für ein hässlicher Trottel er ist. Der Bewegungsfluss dagegen entflieht dieser Entblößung.» Eine Einschätzung, die Bridget Breiner, Ballettdirektorin am Badischen Staatstheater Karlsruhe, teilt. «Als ich anfing, zu choreografieren, hat es mich überrascht, wie schwer es für manche Tänzer*innen ist, einfach nur dazustehen, ohne einen Schrittz u machen. Denn vor allem klassisch ausgebildete Tänzer*innen schämen sich manchmal, sich zu zeigen – nicht körperlich, sondern menschlich. Zu zeigen, wer sie wirklich sind.» Das kennt Breiner nicht. Sie mochte es immer, auf der Bühne auch echte Gefühle zu durchleben. Aber Leistungsscham, Versagensscham, Fremdscham? Alles sehr vertraut für sie: «Ich habe mich in der Vergangenheit schon geschämt für blöde Fehler wie einen verpassten Auftritt. Für manche schlechte Choreografie, in der ich mittanzen musste. Oder für Choreografien, die so toll waren, dass ich umgekehrt nicht gut genug für sie war. Ich schäme mich für kleine Gefühle wie Neid, die nicht zu dem passen, wie ich leben möchte. Und ich schäme mich für meine ‹guilty pleasures›, alberne Ablenkungen von der Arbeit.» Beichte einer grandiosen Ex-Tänzerin und Ballettdirektorin – manchmal kann unser innerer Richter eben gnadenlos sein.

«Schämen tut man sich im Kopf», meint Martin Schläpfer und ergänzt: «Scham, auch Stolz, sind kaum Gefühle, die in mir angelegt sind.» So interessiert ihn am Thema «Scham» eigentlich nur das choreografische Potenzial der Intimzone «weibliche Scham»: «Ich bin mir ihrer sehr bewusst. Wenn ich zum Beispiel Handgriffe im Pas de Deux in ihre Nähe platziere, ist das immer sehr gewollt, besprochen und gecoacht.» Eine Männerhand nahe am Frauenschritt – ist das einvernehmliche Verführung? Belästigung? Gar Demütigung? Auf den Kriegsschauplätzen unserer Welt dient der Übergriff auf die Körper der Frauen vor allem der Beschämung der Männer. Selbst hierzulande argumentiert eine AfD mit «Ehrverletzung», wenn Migranten deutsche Frauen belästigen. Auf Schläpfers Bühne dagegen löst sich die spannungsgeladene Situation meist in einer Machtumkehr auf: Es reicht ein Blick von seinen coolen Ballerinen, schon ist der Kerl der Beschämte.

Den gesamten Beitrag von Nicole Strecker lesen Sie in der Februarausgabe von tanz