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Kinetische Intelligenz

Zum 100. Geburtstag der Tanzpionierin Manja Chmièl

Manja Chmièl hatte sich auf die Fahne geschrieben, die Kunstform Tanz mit der Zeit zu synchronisieren, sie als autonom neben Neuer Musik, abstrakter Malerei, Literatur und experimentellen Theaterformen zu etablieren. Mit kinetischer Intelligenz und höchster Intensität entwickelte sie in sinnlichen Bögen, Brechungen, Verschraubungen raumgreifende Körper-Kalligraphien. Die Suche nach Widerstand gegen die Schwerkraft in höchster Achtsamkeit, das Spüren, Atmen, Dehnen mit einem «Katzengefühl», mit den Füßen «Honigfäden aus dem Boden ziehen» oder im Raupenschritt gehen – das würde man heute mit Faszien-Bewusstheit beschreiben. Eine animalische Qualität. Aber worüber Chmièl 1962 in einem TV-Porträt mit dem Literaturhistoriker Walter Höllerer ins Gespräch kam, hätte auch Tanz-Lyrik heißen können.

Mit jedem ihrer 36 häufig noch rituell gefärbten Soli, die sie im ersten Jahrzehnt ihrer Karriere komponierte, schaukelte sie sich an neuen Herausforderungen hoch. Oft mit konkreten Requisiten, zur Ausdehnung ihrer Visionen. Mit Holzstäben pochte sie ihren «Lockruf». Im «Brauttanz» garnte sie sich kreuz und quer in das Beziehungs-Band ein. Das Prinzip dieser Bindung zwischen den Extremitäten entwickelte sie auch mit einer straff gespannten Schnur zwischen Hand und Fuß zu einem kühlen, strengen Meisterwerk: «Von außen bewegt». Spätere Werke zu durchweg elektronischer Musik hießen «Reflexiv», «Quasi diffus» oder «Instabil» und waren Vorläufer zu Gruppen-Werken wie «Modus», «Raumfiguren», «Konfigurationen».

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Wer auf die Karriere von Manja Chmièl zurückblickt, registriert ein Phänomen: Die Zeit einer neuen Balletteuphorie war gegen sie. Nur so erklärt sich, warum eine der innovativsten Künstlerinnen heute so gut wie unbekannt ist. Bloß wenige Lexika nennen sie. Ihre Autobiografie fand keinen Verleger. Selbst der Tanzfonds Erbe erwärmte sich nicht für ein Chmièl-Projekt. Dabei darf die kritische, oft unduldsame Avantgardistin als Wegbereiterin gelten. Sie schlug die Brücke zwischen der Tradition der Moderne und einer Übergangsgeneration, die nach purer Abstraktion strebte. Am 5. Februar 2022 wäre die als Maria Anna Chmiel in Troppau/Nordmähren geborene Manja oder Manjuschka, wie Mary Wigman sie 1946 in Leipzig zärtlich taufte, 100 Jahre alt geworden.

Den gesamten Beitrag von Irene Sieben lesen Sie in der Februarausgabe von tanz