Schon nach dem Studienabschluss hat Claudius Körber das Kleine dem Großen vorgezogen, als er nicht ein Engagement ins Berliner Ensemble annahm, sondern nach Graz ging: um zu spielen, so oft wie möglich aufzutreten, das Repertoire rauf und runter, die großen Rollen, Ödipus, Hamlet, Macbeth, Peer Gynt. «Claudius ist für eine regieführende Person ein Glücksfall», sagt die Regisseurin Barbara Frey, unter deren Intendanz er 2013 bis 2019 am Schauspielhaus Zürich engagiert war. «Er kann als Claudius verschwinden; er taucht ab und dann wieder auf als ein anderer. Oder sogar, wie im Falle von Ophelia, als eine andere. Er ist furchtlos, aber ohne jeden Anflug von prahlerischer Verwegenheit.»
Furchtlos, aber nicht prahlerisch: Seine scharfsinnige Verwandlungskunst hat ihn in zahlreichen Zürcher Inszenierungen zum Ereignis gemacht, eben zum Beispiel in Freys «Hamlet», in dem er neben Jan Bülows postadoleszent verpeiltem Prinzen die Post-Gender-Ophelia spielte. Jede Frage nach binären Geschlechtszuschreibungen war hinfällig. Körber spielte Ophelia als empfindsames Wesen und gleichzeitig, mit vulgärer Blondperücke, ironisch travestiert. Ein junger Mensch, der seine Rolle sucht. Ein Fremdling, der Rettung aus einer gespensterhaften Fake-Gesellschaft einzig in der Musik (der Kunst) zu finden weiß. Und der berückend sang: zwar nicht «snatches of old tunes», wie es Shakespeare der sterbenden Ophelia vorschrieb, aber «Aerial» von Kate Bush im hellsten, reinsten, Raum und Zeit enthobenen Falsettgesang.
Claudius Körber hat immer wieder mit betörendem Gesang, aber auch vom Schlagzeug aus szenische Aktionen musikalisch kommentiert in diesen Zürcher Jahren. Er stamme zwar durchaus aus einer musikalischen Familie, beteuert er – «meine Eltern haben sich schon im Chor kennengelernt, der Meißner Kantorei in Dresden» –, aber am Schauspielhaus Graz sei eher das Gerücht gegangen, er sei völlig unmusikalisch. Er sei dann gar nie dazu gekommen, dies zu widerlegen. Erst Barbara Frey in Zürich – und über sie Christoph Marthaler – hat das Gesangstalent in ihm gesehen und ihn entsprechend schön besetzt: als Hofdame in Gombrowicz’ «Yvonne» zum Beispiel, die sich mit sopranklarer Kopfstimme aus einer verschroben grummelnden Hofgesellschaft heraushob, oder 2019 in den «Toten» nach James Joyce, als er im morbiden Chiaroscuro, einzig das Gesicht hell ausgeleuchtet, mit zerbrechlicher Altstimme das Arioso aus Bachs Actus Tragicus sang, «Heute, heute wirst du mit mir im Paradiese sein».