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Konfrontation

Das Staatstheater Nürnberg zieht auf das Reichsparteitagsgelände

Es ist eine Interimslösung der besonderen Art: Die Kongresshalle des ehemaligen Nürnberger Reichsparteitagsgeländes wird für einige Jahre zum Spielort und zur Arbeitsstätte für die Beschäftigten des Staatstheaters Nürnberg. Denn das marode, im Jahr 1905 eröffnete Opernhaus am Richard-Wagner-Platz muss generalsaniert werden. Dieses Sanierungsprojekt für Nürnberg bietet die einmalige Gelegenheit, detailliert darzustellen, wie der Opern- und Theaterbetrieb einer Großstadt durch die Nazis einem totalitären System unterworfen wurde und als dessen ideologisches Aushängeschild diente. Schließlich spielte das 1905 eröffnete, von Heinrich Seeling errichtete Opernhaus eine zentrale Rolle bei den Nürnberger Reichsparteitagen, der wichtigsten Selbstdarstellungs-Show des nationalsozialistischen Regimes. Von 1935 bis 1938 wurde das bombastische Spektakel durch eine Fest-Inszenierung von Richard Wagners «Die Meistersinger von Nürnberg» eröffnet. Spitzenkräfte wie der Dirigent Wilhelm Furtwängler wurden dafür eigens nach Nürnberg gebracht.

Intendant Johannes Maurach und Reichsbühnenbildner Benno von Arent versetzten die Festwiesenszene der Oper in ein stilisiertes Reichsparteitagsgelände, sodass auf der Inszenierungs- und Propagandaebene Wagners Kunstutopie und die nationalsozialistische Kunstideologie scheinbar verschmolzen. Damit das Nürnberger Opernhaus diese hervorgehobene Rolle einnehmen konnte, entfernten die Nationalsozialisten radikal die ihnen als dekadent verhasste Jugendstil-Inneneinrichtung des Gebäudes. In nur wenigen Monaten wurde sie 1935 unter der Leitung von Architekt Paul SchultzeNaumburg durch ein fades, in sich widersprüchliches Interieur ersetzt. Wegen des Fehlens der Jugendstilornamente wurde der Schall nicht mehr so gut gestreut; akustisch aber noch verheerender war es, in Seelings Leichtbaugewölbe eine niedrigere Decke einzuziehen und dem Proszenium wie dem Zuschauerraum damit wichtiges Raumvolumen zu nehmen.

Unter diesen Folgen leidet der Klang bis in die Gegenwart. Abgesehen von einer an der Oberfläche gebliebenen Pinselsanierung in den 1990er-Jahren sind die Zuschauerinnen und Zuschauer noch heute bei jedem Opernhausbesuch mit dem von den Nazis geschaffenen Raumentwurf konfrontiert. Die Frage, welche Art von Innenarchitektur man in die Zukunft transformieren will, dürfte sich zu einem Kernthema der noch zu führenden Sanierungsdebatte entwickeln.

Schon dieser kurze Abriss macht klar, wie groß der historisch-symbolische Überbau für die nun beschlossene Interimslösung ist: Das Staatstheater zieht von einem von den Nationalsozialisten entscheidend für ihre Selbstdarstellung benutzten und dafür rücksichtslos umgestalteten Opernhaus in den Torso eines Nazi-Monumentalbaus um, der nach seiner Fertigstellung 50.000 «Volksgenossen» als pseudo-demokratischer Versammlungsort für schäbiges Polittheater dienen hätte sollen. Dabei stellt die jetzt von den Nürnberger Fraktionen der CSU, SPD und Grünen beschlossene Interimslösung in der Kongresshalle schon auf der Faktenebene beeindruckende Anforderungen. 650 Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter müssen bis zum Jahr 2025 im zweitgrößten Monumentalbau der Nationalsozialisten – nur Prora auf Rügen ist noch größer – untergebracht werden.

Den gesamten Beitrag von Thomas Heinold lesen Sie in der Februarausgabe von Opernwelt