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Rezensionen Februar 2022

Studio Braun: «Coolhaze» im Deutschen Schauspielhaus Hamburg

Studio Braun sind Theatermacher, die auch den spannendsten Stoff so inszenieren, dass er am Ende ein Theaterwitz wird. Mit «Coolhaze» auf der großen Schauspielhaus-Bühne hat sich das aus Rocko Schamoni, Heinz Strunk und Jacques Palminger bestehende Humor-Trio Heinrich von Kleists «Michael Kohlhaas» vorgenommen.

Der Stoff wird allerdings von Filmregisseur Richthofen (Samuel Weiss spielt diesen als reizende Karikatur des deutschen Oscar-Gewinners Florian Henckel von Donnersmarck, inklusive massiver künstlerischer Selbstüberschätzung, cholerischer Anfälle und gefaktem Wiener Akzent) zum Gangsterfilm im New York der 1970er umgeschrieben: Pferdezüchter Kohlhaas wird zum Motorradhändler Coolhaze, Kleists fiese Zöllner werden zu korrupten Cops, die Coolhaze’ Bikes konfiszieren und bald seine Frau umbringen. Worauf ein Mann rot sieht und auf Rachefeldzug geht. Alles als Film auf Theaterbühne, mit eitlem Hauptdarsteller (Char ly Hübner), dauerberauschtem Co-Star (Ute Hannig) und speichelleckenden Nebendarstellern (unter anderem Jonas Hien), die die toxische Set-Atmosphäre anheizen.

Tatsächlich entpuppt sich «Coolhaze» als sehenswerte Übertragung eines klassischen Stoffs in ein neues Setting – und die Tatsache, dass die 1970er auch schon über eine Generation in der Vergangenheit liegen, macht diese Übertragung weniger zur Aktualisierung als zur artifizellen Fingerübung, die alle Beteiligten problemlos absolvieren.

Nur leider ist «Coolhaze» in seinem artfiziellen Charakter, seiner Präzision und seinem Spaß an der eigenen Idee auch: ziemlich egal. Der Abend wird ein Erfolg werden, weil er all das mitbringt, was das Hamburger Publikum an Studio Braun mag: Ironie, gute Einfälle, ein Repertoire an Wiedererkennbarem. Aber gleichzeitig hat ihm die Künstlichkeit des «Kino im Theater»-Arrangements jedes Bewusstsein für den politischen Gehalt des Stoffs ausgetrieben. Nicht nur der Charles-Bronson-Film «Ein Mann sieht rot» von 1974, der als unübersehbares Vorbild von «Coolhaze» dient, ist ein zweischneidiges Schwert, auch bei Kleist ist Michael Kohlhaas nicht nur ein Gerechtigkeitsfreund, sondern auch jemand, der die Anlage zum Fanatiker in sich trägt – im Zweifel steht Kohlhaas auf der Seite von Querdenkern und Pegida, als jemand, der glaubt, im Recht zu sein und für die Durchsetzung dieses Rechts über Leichen zu gehen bereit ist.

Viele «Kohlhaas»-Interpretationen der jüngeren Zeit lesen den Stoff auf dieser Folie, Yael Ronen 2015 am Berliner Gorki etwa oder Antú Romero Nunes 2018 am Hamburger Nachbartheater Thalia. Dass sich Studio Braun solch einer Deutung verweigern, ist entsprechend auch schon wieder Punk, im Sinne einer konsequenten Missachtung von Erwartungen. Es führt das Studio-Braun-Theater aber in die Falle, dass eben auch die Missachtung von Erwartungen eine bestimmte Erwartung erfüllt – nämlich, dass man hier all das bekommt, was man von Studio Braun erwartet, nicht weniger, aber eben auch nicht mehr.

Die gesamte Rezension von Falk Schreiber lesen Sie in der Februarausgabe von Theater heute