Inhalt

Die Seele hören

Ein Gespräch mit der Sopranistin Elsa Dreisig

Überall in Ihrer Stimme höre ich Freude, wenn ich das so sagen darf. Und es ist für mich immer eine Frage, ob ich bei einer Sängerin oder einem Sänger die Natürlichkeit der Sprechstimme auch in der Singstimme wiederfinde ...
Das ist bei allen Sängerinnen unterschiedlich. Meine Sprechstimme ist recht tief. Dafür hat man mir gesagt, dass man mein Lachen in meiner Stimme hören kann.

Genau! Das macht Ihre Stimme unfassbar schön!
Mir war diese Natürlichkeit des Gesangs immer sehr wichtig. Ich habe nie diese riesigen, großen Stimmen geliebt. Viele Opernstimmen sind mir auch zu abstrakt. Ich höre den Menschen nicht genug heraus. Ich arbeite jeden Tag an meiner Technik – und werde irgendwann zufrieden sein. Aber ich möchte, dass meine Stimme ihre Persönlichkeit behält. Ich möchte kein Computer sein. Auch, wenn das vielleicht beim Singen helfen würde. Die Distanz ist gut für die Nerven. Aber vielleicht verliert man etwas. Bei der Callas beispielsweise hört man die ganze Zeit ihre Seele – und die Technik und ihre Stimmschönheit passen sehr gut zusammen.

Trotz der Glockigkeit und der Freude in Ihrer Stimme singen Sie jetzt im Sommer beim Festival d'Aix-en-Provence eine der am meisten umdüsterten Frauenrollen aller Zeiten – Strauss’ Salome.
[lacht] Aber genau das, was Sie gesagt haben, will ich in der Salome behalten!
Ich will Salome mit dieser Stimme singen. Nur, weil Salome so eine Power hat, heißt das nicht, dass ich hinter ihr verschwinden werde. Ich will Kraft dadurch bekommen. Man braucht die Technik. Deswegen sind solche Rollen traumhaft! Ich mag auch Rollen wie Zerlina. Aber manchmal ist das schwieriger, weil ich nicht die Kraft in diesem Menschen finde. Es gibt einfachere Rollen als Salome, aber ich habe mich immer häufiger auf der Bühne in der Schönheit und dem Wohlklang dieser einfacheren Partien verloren. Mit Salome hoffe ich, meine lyrische Stimme zu behalten. Ich bin kein dramatischer Sopran! Und man hat mich ja auch ganz klar deswegen gefragt, ob ich Salome singen will, weil ich ein lyrischer Sopran bin. Die Regisseurin Andrea Breth und der Dirigent Ingo Metzmacher wollten eine junge Frau, der man glaubt, dass sie 16 Jahre alt sein könnte. So alt, wie sie in dem Stück selbst ist. Die beiden wollen Elsa Dreisig als Salome sehen. Nicht einen dramatischen Sopran, sondern mich. Der Druck auf mich kommt nicht durch das Lyrische in meiner Stimme zustande, sondern weil ich versuche, die Partitur so zu erlernen, dass ich Salome wirklich spüre.

Neuerdings ist es in der Klassik Mode, «Roots»-Alben zu veröffentlichen. Also Alben, auf denen es um die eigene musikalische Sozialisation geht. Was müsste auf ihrem «Wurzel»-Album sein? Und zwar ganz unabhängig davon, was das für Musik ist – oder sein könnte.
Das ist eine sehr interessante Frage. Ich bin mit Musik aufgewachsen. Es gibt natürlich Arien, die mich seit meiner Jugend begleiten. Zum Beispiel Musettas «Quando m’en vo», Paminas «Ach, ich fühl‘s» oder «Sì. Mi chiamano Mimì». Ganz sicher würde ich aber traditionelle Lieder aus Dänemark mit auf das Album nehmen. Vielleicht sogar Weihnachtslieder auf Dänisch. Das ist meine Kindheit. Auch andere Kinderlieder, die mir meine Oma vorgesungen hat, während ich bei ihr auf dem Schoß saß. Die Songs müssten aber gut arrangiert werden – mit etwas Spannung. Die Lieder sind sehr schlicht und könnten etwas Farbe vertragen. Der Ausgangspunkt wäre aber Pamina – und dann italienische Arien. Nicht so sehr das deutsche Repertoire. Ich bin nicht so ein Wagner-Fan. Aber vielleicht kommt das noch bei mir.

Dabei haben Sie einen so Wagnerischen Namen!
Stimmt! [lacht] Und genau deswegen heiße ich auch so!

Wirklich?
Ja. Meine Eltern wollten mir unbedingt einen Namen geben, der in einer Oper vorkommt. Zur Auswahl standen Agathe, Mélisande und Elsa. Und ich bin glücklich mit Elsa und mag die deutsche Sprache sehr! Ich habe mich viel mit den Liedern von Robert Schumann beschäftigt. Die «Dichterliebe» war ein positiver Schock für mich. Schumann ist eine meiner «neuen» Wurzeln. Grundsätzlich bin ich nicht so ein Typ, der sehr an der Vergangenheit hängt. Meine kulturelle Identität ist dort, wo sich mein Herz am besten fühlt. Salome wird bald zu meinen neuen Wurzeln gehören. Auch Brahms liebe ich sehr. Seine Klavierkonzerte machen mich völlig verrückt. Alles vermischt sich …

Das gesamte Interview von Arno Lücker lesen Sie in der Februarausgabe von Opernwelt