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Tango im Restaurant

Tanz entfacht Leidenschaften

Milongas finden in historischen Hallen, eleganten Lokalen, Tanzschulen, gutbürgerlichen Cafés und alten Baracken irgendwo am Stadtrand statt. Auch wenn sie unter freiem Himmel stattfindet, bildet die Ronda – das Tanzen aller im Kreis gegen den Uhrzeigersinn – die äußere Grenze zum öffentlichen Raum. Dank der Grenze gelingt es leichter, sich von der Welt da draußen eine Zeit lang zu verabschieden. Beide Welten haben Gemeinsamkeiten: Hier wie dort vereinen sich Menschen räumlich, hier wie dort wird kommunikativ gehandelt. Und doch könnten die Kommunikationssysteme unterschiedlicher nicht sein.

Eines meiner Lieblingsrestaurants verwandelt zweimal pro Woche seine Atmosphäre. Es wird innerhalb weniger Minuten zu einem Raum umgestaltet, der nicht mehr die gastronomischen, sondern die seelischen Bedürfnisse nach Genuss befriedigt. Hier wird Tango getanzt. Nach der Verwandlung steht nicht mehr der Verzehr gaumenberauschender Speisen im Vordergrund, sondern das Erleben leidenschaftsentfachender Tänze. Die soziale Praxis des Restaurants durchläuft ebenfalls eine Verwandlung – ein anschauliches Beispiel dafür, dass Räume keineswegs statisch, sondern stets dynamisch geordnet sind. Die Verwandlung bewirkt auch die Veränderung des kommunikativen Handelns.

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An erster Stelle steht «conexión» (die Verbindung). Für die Tänzer entsteht sie durch «mirada» und «cabeceo» vor dem Betreten der Ronda – die Einladung mittels Blickkontakt und ein Nicken als Zeichen der Einwilligung. So beginnt der Tango: in den Augen und als ein Spiel der Verführung. Dank «mirada» und «cabeceo» entfaltet sich ein angemessener Kommunikationsraum für alle Beteiligten. Sie sind Ausdruck des Respekts und retten uns davor, in Verlegenheit zu geraten. Sind sie gelungen, darf die Tanda beginnen – der eigentliche Tanz. Sie ist im besten Falle eine einzigartige Welt der Kommunikation, die auf ein einziges Element angewiesen ist: «el abrazo», die Umarmung. Durch sie entsteht eine Verbindung intimer Art, die ausschließlich das Tanzpaar betrifft. Eine Tanda dauert in der Regel zwölf bis fünfzehn Minuten, sie kann unvergesslich, aber auch zur Qual werden. In enger Umarmung spricht der Atem. Der Mensch lernt nicht zu atmen, um zu überleben, sondern um sich lebendig zu fühlen. Eine Tanda in einer gelungenen Umarmung fühlt sich an wie Poesie, deren richtig platzierte Wörter die Schritte sind. Sie wird zu einer Qual, wenn das Ego das Duo ersetzt.

Den gesamte Beitrag von Hamid Tafazoli lesen Sie in der Februarausgabe von tanz