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Enorme Tiefe der Charaktere

Die Schweizer Sopranistin Regula Mühlemann über Mozart und Musik

Was fasziniert Sie so Mozart? Passt er zu Ihrer Stimme? Ihrem Naturell? Zu Ihrer Ausstrahlung? Oder hat Mozart, was wir bislang nicht wussten, womöglich gar Schweizer Blut in seinen Adern?
(lacht) Keine Sorge, nein! Aber im Ernst: Ich glaube, es liegt an der Vielschichtigkeit der Ebenen, die bei ihm zu konstatieren ist. Einerseits sind Mozarts Figuren faszinierend modern, denken wir nur an Susanna und die Gräfin, die Frauen in «Le nozze di Figaro», das sind ziemlich starke, treibende Kräfte. Man redet immer vom musikalischen Genie Mozart, aber man vergisst darüber zuweilen, dass er diese unglaubliche Menschenkenntnis besaß. Im Grunde gibt es keine anderen Opernfiguren, die so differenziert sind wie die Mozartischen und so verblüffend «echt» sein können. Man merkt, dass er seine Inspiration aus dem Leben nahm und ein unglaublicher Beobachter war. Jede Figur, und sei sie noch so klein, hat ihre tausend Facetten, und man kann in jeder Vorstellung eine dieser Facetten herausarbeiten. Wie schon Nikolaus Harnoncourt betont hat: diese enorme Tiefe in den Charakteren. Sie sorgt dafür, dass man die jeweilige Figur immer wieder neu beleuchten kann. Das wird nie langweilig.

Und schließlich die musikalische Ebene: Jede Figur, sei es in der «Entführung», in «Le nozze di Figaro», «Don Giovanni» oder «Idomeneo», hat ihre individuellen, unglaublichen Herausforderungen, und wenn es noch so eine leichte Figur ist wie die Blonde, wo man denkt: «Ha, das ist ja nicht mehr als ein Katzensprung.» Ist es aber eben nicht. In jeder dieser Partien gibt es diese technisch heiklen, exponierten Stellen, wo man am Abend einfach «liefern» muss. Auf der anderen Seite steht bei Mozart jene, auf seiner Menschenkenntnis gründende, Einfachheit. Und jetzt komme ich endlich auf Ihre Frage zurück (lacht): Unsere Aufgabe ist es, dafür zu sorgen, dass seine Musik auf der Bühne so natürlich wie möglich zu sehen ist: echt und ehrlich. Wenn man da nicht zu einhundert Prozent auf dem Level ist, in dem Sinn, dass man wirklich authentisch agiert, oder technische Schwierigkeiten den Sänger davon abhalten, ehrlich zu spielen und zu singen, dann wird schnell evident, dass man als Akteur «falsch» ist fürs Publikum. All diese Sachen kommen bei Mozart zusammen, und das macht es spannend. Und weil es so schwierig und spannend ist, kann einen das ein Leben lang fordern und begleiten.

Das gesamte Gespräch mit Regula Mühlemann von Jürgen Otten lesen Sie in der Februarausgabe von Opernwelt