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Muss Schwanensee weiß sein?

Rassismus im Ballett

Die Aufführungspraxis sieht vor, dass die Szenen der Schwanenprinzessin und ihrer Gefolgschaft als «weiße Bilder» inszeniert werden. Als vorweggenommener Kontrast zum später erscheinenden Schwarzen Schwan sind die Kostüme der Schwäne in den meisten Inszenierungen weiß. Um diesen Weiß-Effekt zu unterstreichen, wurden alle Tänzer*innen häufig mit weißer Körperschminke geschminkt. Gleiches passiert auch in den entsprechenden Passagen anderer großer Ballettklassiker wie «Giselle» und «La Bayadère». In der besagten Praxis gipfelt das Streben nach größtmöglicher Ebenmäßigkeit – und sie steht richtigerweise seit Beginn der Black/White/Yellow-Facing-Debatte in der Kritik.

Man kann einer schwarzen Tänzerin heute nicht mehr zumuten, weiße Körperschminke aufzutragen. Weder lässt es sich rechtfertigen noch steht es in Relation zu irgendeiner Tradition. Es ist einfach unangebracht. Da sich aber alle Tänzerinnen dieser Prozedur unterziehen, ist es auch folgerichtig, sich in Gänze davon zu lösen. Es wäre im Übrigen auch ein Armutszeugnis, wenn der klassische Tanz auf Körperschminke zurückgreifen müsste, um Magie zu erzeugen. Dass sich nicht alle Ballettdirektionen bisher deutlich von dieser Praxis distanziert haben, zeigt auch, wie unentschlossen man sich dem Rassismus im Ballett bislang entgegenstellt.

An vielen kleinen Details lässt sich die Lethargie der Branche gegenüber diesem Thema beobachten. Erst 2019 bot der erste Spitzenschuhhersteller dunkler getönte Exemplare im Sortiment an. Deswegen haben nicht-weiße Tänzerinnen und Tänzer ihre Tanzschuhe bisher aufwendig mit Make-up eingefärbt. In der Ballett-Philosophie sind die Spitzenschuhe die Verlängerung des Körpers. Um diese Illusion zu unterstreichen, tragen die Tänzerinnen in den klassischen, weißen Bildern weiße oder rosafarbene Strumpfhosen. Sollte eine dunkelhäutige Tänzerin dann nicht auch eine Strumpfhose und Spitzenschuhe tragen, die ihrer Hautfarbe entsprechen? Und müssen die Federkostüme der 32 Schwäne wirklich alle weiß sein? Wäre es nicht an der Zeit, hier ein starkes Zeichen zu setzen? Der fast einhundertfünfzig Jahre alte «Schwanensee» würde augenscheinlich davon profitieren, wenn man zeigen könnte, wie flexibel und zeitlos das Werk ist.

Den gesamten Beitrag von Michael Banzhaf lesen Sie in der Februarausgabe von tanz