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Rezensionen Februar

Schönherr: Glaube und Heimat in Berlin

Wer hat Angst vor Karl Schönherr? Der Tiroler Schriftsteller (1867–1943) mit Ehrengrab auf dem Wiener Zentralfriedhof, dem NS-Reichsdramaturg Rainer Schlösser 1933 «blutechtes, bodenständiges Schaffen» bescheinigte, schrieb wuchtige Dramen aus dem ländlichen Leben in wortkarg knorrigem Kunstdialekt. «Glaube und Heimat», im Untertitel «Die Tragödie eines Volkes», erzählt von der Vertreibung der Zillertaler Protestanten 1837 durch die kaiserlich- katholische Obrigkeit. Genauer von den zwei Tagen vor der Vertreibung, in denen die «lutherischen» Bauern sich auf die Ausweisung vorbereiten, ihre Höfe und kargen Besitzstände verkaufen oder verschenken und dabei von den «Lanzenreitern» des Kaisers, die Abschiebelisten erstellen und Razzien abhalten, kujoniert werden. Besonders dramatisch sind die Verhältnisse in der Familie Rott, in der die Mutter («die Rottin») streng katholisch, ihr Mann («der Rott») und dessen Vater («der Alt-Rott») aber versteckt protestantisch beten. Die sich abzeichnenden Glaubens- und Gewissensqualen sind erheblich, nicht minder quälend aber sind die Abwägungen, ob man wegen dieses Glaubens auch die Heimat, also den eigenen Grund und Boden verlassen solle.

Wer heute noch Schönherr aufführt, bekennt sich zwangsläufig zu diesem schicksalsverwobenen Heimatbegriff, der in zeitgenössischer Form bei der AfD und deren rechtsideologischem Hintergrund wiederzufinden ist. Am Berliner Ensemble ist man sich des Problems ansatzweise bewusst, will es aber nicht so richtig zugeben. Der Ausweg heißt Strichfassung. Die vielfach aufflammende identitäre Heimatliebe der Protagonisten und Nebenfiguren ist in Thalheimers dürrer 90-Minuten-Fassung stark gekürzt und versuchsweise zivilisiert. Was bleibt, ist vor allem der erste Titelteil «Glaube» mit einer archaisch zeitlosen Gewissenserforschung in ländlicher Arbeitskleidung, was das rechte Tun sei angesichts der inneren Überzeugung und des äußeren Zwangs.

Dem entsprechen dann nach einigen Verrenkungen Andreas Döhlers trutzig verstockter Rott mit harter Schale und menschlichem Kern. Mindestens ebenso stilbewusst Oberammergau-tauglich: Josefin Platt barmt einen angemessen verschlagenen, todesnahen Alt-Rott rustikal an die Rampe, Stefanie Reinsperger gibt herzig die unerschütterlich katholische, aber noch unerschütterlicher familiensolidarische Rottin, Veit Schubert den schmierig-opportunistischen Bader, und Ingo Hülsmann biegt sich diabolisch als messerscharfer Kaiser-Reiter.

Sie alle bleiben kleine Menschlein vor der unendlichen tosenden Regiemacht des Schicksals, gebeugt vom Kampf um die Scholle und der Furcht vor (oder heimlichem Begehren nach?) Karl Schönherrs rechtsidentitärem Heimatdrama: lautes Pfeifen im Bühnenhalbdunkel ohne Wald.

Die ganze Rezension von Franz Wille finden Sie in Theater heute 2/20