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Musical am New Yorker Broadway

«Hadestown» und andere unterhaltsame Stücke

«Hadestown»ist die moderne Version des Mythos von Orpheus und Eurydike. Orpheus versucht auch hier, seine Frau aus der Unterwelt zu retten. Aber die Unterwelt ist keine Welt der Toten, sondern die ummauerte Industriestadt Hades. Und die wirkt wie ein albtraumhaftes Amerika. Die Auführung im Walter Kerr Theater erhielt für die letzten Tony Awards die meisten Nominierungen, 14 – und hat schließlich acht Tonys gewonnen. Music, Lyrics & Book sind von Anais Mitchell, einer amerikanischen Singer-Songwriterin.

Orpheus (Reeve Carney) ist ein mittelloser Musiker; Eurydike eine Frau, die nicht weiß, ob sie sich an ihn binden soll, weil sie sich nach Sicherheit sehnt. Das liest sich vielleicht etwas schlicht, ist es aber nicht. Die Inszenierung mit ihren kraftvollen Choreografien (David Neumann), mit ihrem düster industriellen Setting (Rachel Hauck) und der heftigen Energie des Ensembles entwickelt einen atemberaubenden Sog.

Die Bühne erinnert zunächst an einen Jazz-Keller. Die Darsteller kommen über Treppen heruntergeschlendert. Ein formvollendeter Conférencier – der herrlich elegante 73-jährige André De Shields (Hermes) – fordert das Publikum auf, jeden einzelnen Darsteller klatschend zu begrüßen.

Die siebenköpfige Band sitzt auf der Bühne. Musikalisch schlägt der Abend einen weiten Bogen: Folk, Pop und Dixieland, es gibt traurigschöne Balladen für die Liebenden, und der musikalische Leiter Liam Robinson hat für die Band herrliche Swing-Arrangements geschrieben. Nach dem coolen Beginn geht es hart zur Sache. Wir steigen in die Unterwelt, in eine Stadt in einer heftigen Wirtschaftskrise. Für die ummauerte Sicherheit von Hadestown geben die Worker ihre letzten Kräfte. «Why We Build the Wall», heißt ein starker Song. Die Frage, die die Worker aufwerfen, beantworten sie sehr energisch und unmissverständlich: «We build the wall to keep us free.» Antike Mythologie trifft hier im Musical auf Gegenwart. Natürlich assoziiert jeder Trumps Politik und sein Wahnsinnslieblingsprojekt. Und Eurydike, die den Hades und die Sicherheit hinter den Mauern selbst gewählt hat, wird ihre Entscheidung bitter bereuen.

Eva Noblezada spielt, singt und tanzt die Eurydike mit einer ganz besonderen Aura. Sie hat eine überraschend unaufgeregte Art, wirkt beim Spielen und Singen total entspannt und verhandelt doch Existenzielles. Rotz und Wasser kann man heulen, wenn sie «All I’ve Ever Known» – im Duett mit Reeve Carney – oder «Flowers» völlig ohne angeschaffte Dramatik, fast beiläufig singt. Durch das Publikum ging ein Schreckensatmer, als sich Orpheus auf dem Gang aus dem Hades dann doch kurz zu Eurydike umdrehte. Neunhundertfünfundsiebzig erwachsene Menschen halten gemeinsam die Luft an, weil sie wissen, dass es das für die beiden jetzt war, dass sie sich nie wiedersehen werden – wow!

Den ganzen Bericht über die aktuelle
Musical-Szene in New York
von Mathias Noack finden Sie
in Theater heute 2/20

oder in tanz 2/20