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Musicalboom in Deutschlands Theatern

Ein kritischer Rundblick

Das Musical ist umgezogen und hat es sich im deutschen Theatersystem bequem gemacht. Etwa ein Viertel ihrer musiktheatralischen Aufführungen bestreiten die subventionierten Staats- und Stadttheater heute mit Musicals, meist mit bester Auslastung. Das ist durchaus ein Faktor im deutschen Theaterbetrieb, trotzdem wird das neue Genre in der Tagespresse noch immer verächtlich oder, schlimmer, ahnungslos abgehandelt.

Selbst neue Stücke vom Broadway gehen heute direkt in die Stadttheater, früher hofften die Produzenten noch auf eine große Ensuite-Produktion und zögerten, die Rechte für den Repertoirebetrieb zu erteilen. Aber zwischen dem, was in New York oder London Erfolg hat, und dem kommerziellen deutschen Unterhaltungsmarkt klafft derzeit ein mächtiger Riss, der im Grunde nicht mehr zu kitten ist. Die ganz großen Broadway-Hits gelangen nicht mehr in die deutschen Musicaltheater, was unterschiedliche Gründe hat. «Rent» etwa, die moderne Rockversion der Oper «La Bohème» mit Obdachlosen und Aids, die um die Jahrtausendwende Amerikas Musicalszene regelrecht umwälzte, stieß bei uns auf wenig Verständnis und wird trotz der tollen Rockpartitur kaum gespielt.

Auch der Pulitzer-Preisträger «Hamilton», dessen Tickets auf dem Schwarzmarkt bis zu 8000 Dollar kosteten und dessen Texte im letzten Präsidentschaftswahlkampf zitiert wurden, schafft es einfach nicht nach Deutschland: Komponist und Regisseur Lin Manuel Miranda stellt die amerikanischen Gründerväter als coole Rapper dar und propagiert mit brillanten, aber eben kaum zu übersetzenden Texten die Themen Einwanderer und Bildung. In «Billy Elliot», der gelungenen Londoner Bühnen-Adaption des Ballettfilms, grölen streikende Bergbauarbeiter Protestchöre gegen Margaret Thatcher; in Deutschland verhindern die Jugendschutzbestimmungen für Kinderschauspieler eine Aufführung.

Den ganzen Bericht über den Zustand des Musicals in Deutschland
von Angela Reinhardt finden Sie in tanz 2/20