Stadt in Aufruhr
Eindrücke aus Chemnitz im Winter
Zwei Tage noch bis zum heiligen Fest, und was macht der Himmel über Chemnitz? Er weint: dickkugelige Tränen. Kein Wunder, dass die Trottoirs verwaist sind; nur einige Versprengte eilen mit glühweingeröteten Wangen vorüber. Auch auf dem Theaterplatz ist jetzt, um zehn Uhr abends, keiner mehr, mit dem man reden könnte. Ringsherum nur dickes Gemäuer, wie in Georges Rodenbachs totem Brügge. Immerhin, im zweiten Obergeschoss des zwischen 1906 und 1909 nach Plänen von Richard Möbius erbauten Opernhauses brennt noch Licht: Sylvia Schramm-Heilfort und Claudia Müller-Kretschmer singen, begleitet von Jeffrey Goldberg, in der Reihe «Nachtcafé» Medleys, Lieder und Songs von Zarah Leander, Cole Porter, Georg Kreisler und Johann Strauß. Zur Rechten die evangelische Kirche Sankt Petri, über deren Portal die Worte «Deinen Eingang segne Gott» ins regnerische Dunkel schimmern, vis-à-vis das König Albert Museum, es beherbergt die Kunstsammlungen Chemnitz. Dort haben sie ein Banner angebracht: «Für eine tolerante, weltoffene und gewaltfreie Stadt». War anscheinend nötig.
Seit den hasserfüllten Ausschreitungen Ende August vergangenen Jahres schwelt diese Wunde, die der von rechten Kräften instrumentalisierte Aufruhr nach dem gewaltsamen Tod von Daniel H. in den Körper der Stadt schlug. Bundesweit galt Chemnitz plötzlich als Synonym für Intoleranz, für Fremdenhass und undemokratische Tendenzen, nicht immer gingen die Beobachter in ihren Analysen mit dem nötigen Feingefühl vor. Na ja, hieß es, typisch Sachsen, AfD-Land.
Befeuert wurde diese Stigmatisierung durch eine symbolisch aufgeladene Aktion des Zentrums für politische Schönheit (ZPS), die unter dem fernsehreifen Titel «Soko Chemnitz» in die Schlagzeilen geriet. Das ZPS hatte auf einer inzwischen gelöschten Internetseite einen «Katalog der Gesinnungskranken» erstellt, offen zugängliches Bildmaterial von den inzwischen zu nationaler Bedeutung gelangten Demonstrationen zusammentragen und es mit frei zugänglichen Selbstdarstellungen von Rechtsradikalen im Internet abgeglichen. Die Aktion erzielte exakt den Effekt, den sie verhindern wollte: Chemnitz stand da wie eine nach rechts gekippte Stadt. Wie eine Hochburg der Neonazis.
Die Kunst wollte das nicht auf sich sitzen lassen. Also setzten sich die Verantwortlichen zusammen, um gegen Vorurteile, aber auch gegen einen unübersehbaren Teil Chemnitzer Realität vorzugehen. Und nicht nur das Bild von der Stadt sollte verändert werden. Sondern das Bild der Stadt selbst. Ein Popkonzert unter dem Motto «#wirsindmehr» lockte im September 65 000 Besucher an. Weitere Aktivitäten wurden angeschoben, darunter die Kunst-Biennale «Pochen» sowie das Festival «Aufstand der Geschichten», das sich mit der an Umbrüchen reichen Historie der Stadt befasst. Zum Auftakt im Staatlichen Museum für Archäologie, einem eleganten Bau der klassischen Moderne im alten Kaufhaus Schocken, kamen u. a. Familienministerin Franziska Giffey und der Soziologe Armin Nassehi.
Auch das Theater Chemnitz reagierte spontan. Binnen vier Wochen wurde in Kooperation mit der städtischen Musikschule Udo Zimmermanns «Weiße Rose» in den Spielplan aufgenommen, als mobiles «Opernprojekt für junge Menschen»; die Robert-Schumann-Philharmonie spielte Beethovens Neunte auf dem Theaterplatz, bei Regen vor mehr als 5000 Zuhörern; der Schauspieler Ulrich Matthes kam und las Schiller-Balladen, weil er nicht wollte, dass Chemnitz zu einem Synonym für Fremdenfeindlichkeit wird, und Mitte Dezember gab es unter dem Titel «Gemeinsam stärker» im Schauspielhaus einen Gala-Abend mit ehemaligen Chemnitzer Schauspielern wie Cornelia Schmaus, Peter Sodann, Hasko Weber, Enrico Lübbe. Es bewegte sich etwas.
Samstagnachmittag. Mächtig hallen die Glocken von Sankt Petri, drei Mal. Eine Stunde noch bis zum Beginn der «Götterdämmerung». Christoph Dittrich führt den Gast in die Kantine, holt eigenhändig Kaffee und Kekse. Seit 2013 ist er Generalintendant des Fünf-Sparten-Hauses (Oper, Schauspiel, Ballett, Figurentheater, Philharmonie), Herr über 430 Mitarbeiter aus mehr als 25 Nationen. Ein freundlicher, besonnener, politisch denkender Kopf. Immer wieder fällt das Wort «Diskurs» in seinen Sätzen. Dittrich ist überzeugt davon, dass Diskurs die einzige Möglichkeit ist, die ein Theater hat. Nur so könne man, als gestaltender Teil einer Stadtgesellschaft, auf realsoziale Verwerfungen antworten, Dinge zurechtrücken, irrige Meinungen korrigieren. Und: Appelle formulieren.
«Die Kunst ist, seit es sie gibt, immer Aufruf an die Humanität», sagt Dittrich. Das trage sie in sich. Auch bei ganz normalen Stücken. Kunst bedeute Beisammensein, gerade in einer Stadt, die, kriegsbedingt, wenig (Er-)Baulich-Ästhetisches birgt. Auch deswegen hat sich das Theater Chemnitz an Formaten beteiligt, die weit hinausgehen über ästhetische Anverwandlung. Am «Nischel», wie das bronzene, 40 Tonnen schwere Karl-Marx-Denkmal in der Brückenstraße im Volksmund heißt, brachten Chemnitzer Unternehmer auf einem Banner die zehn mal zehn Meter große Botschaft «#wirsindmehr» an. Auch wurde dort ein freistehendes Ladenlokal angemietet, um all den rechten Demonstranten, die jeden Freitagabend von dort aus losziehen, zu zeigen, dass der öffentliche Raum nicht einfach falsch besetzt werden kann. Und um das zu tun, was Dittrich für ganz wichtig hält: Haltung zeigen.
Von Adorno stammt die schöne Sentenz, die Kunst sei mitunter die einzige Rettung in einer von Grund auf falschen Welt – nicht jedoch, weil sie richtiger wäre, sondern weil sie um das universale Falsche wisse. Dorthin etwa zielt Dittrichs Ansatz. Aber natürlich weiß auch er, dass die Kunst nicht alles «erledigen» kann. Ein Theater ist wohl Ort der Utopien und Illusionen, jedoch keine sozialpädagogische Einrichtung: «Wir sind nicht die alleinigen Therapeuten der Nation.» Aber im besten Falle könne das Theater in die Köpfe derer hineinkriechen, in denen das rasssistische Zement noch nicht angerührt ist. In die Köpfe von Schülern beispielsweise. Oder in die jener Passanten, die zum Open-Air-Konzert kamen, um aktiv Teil einer Toleranzkultur zu sein. Diesen positiven Trend will der Intendant nutzen, wissend, dass die Agora weder Heimat der Künstler noch diejenige des Publikums ist, freies Feld, und das Konzert eben die gemeinsame Erkundung eines Terrains. Darin, so Dittrich, bestünde die Verlockung des Formats: in der möglichen Eroberung dritter Räume, um andere Menschen zu erreichen. «Es geht um ein Werben, um einen Kompromiss.»
Kulturelle Bildung ist das Zauberwort. Damit kann man vorbeugen, erste Schritte in die richtige Richtung lenken. Ein lobendes Beispiel sind für Dittrich die sogenannten «Regenbogenkonzerte» seiner Philharmoniker, mit denen sie seit 27 Jahren junges Publikum zu gewinnen versuchen. Wie schwer der Schritt zum Opernbesuch dennoch ist, beweist die zweite Vorstellung der «Götterdämmerung» am Nachmittag. Fünfdreiviertel Stunden, das halten, außer bekennenden Wagnerianern, nur wenige Hartgesottene aus. Können ja nicht wissen, was ihnen da entgeht, als Nahrung für den Geist, die Seele. Hätte eine Stadt so etwas wie eine Seele, sie wäre in Chemnitz stark beschädigt, auch wenn man das den Menschen auf dem Weihnachtsmarkt nicht ansieht. Im Bretterbuden-Geviert, dessen Eckpunkte das Neue und das Alte Rathaus, Galerie Kaufhof, Peek & Cloppenburg und das Einkaufszentrum «Roter Turm» bilden, ist die Welt scheinbar noch in Ordnung, bei Räuchermann und Erzgebirgsengel. Vielleicht liegt es aber auch an der Zeit. So kurz vor dem Fest will keiner mehr Radau haben, sich lieber genüsslich vollstopfen mit Bratwürsten, Bier und solchen Sachen. Verlässt man jedoch das kulinarische Jingle Bells-Zentrum, sieht die Sache schon anders aus: zwischen den Ost-Highways Brückenstraße und Straße der Nationen.
Es fällt erst beim zweiten Blick auf. Aber dann so richtig. Lücken. Es sind die Lücken, die man sieht. Positiv ausgedrückt, ist Chemnitz, nach Dresden und Leipzig die Nummer drei im Osten der Republik, heute eine quirlige Viertelmillionstadt mit großen Ambitionen. Nicht ganz so charmant ausgedrückt, ist es eine aufgeriebene Stadt ohne ICE-Anschluss, die seit 1990 mehr als 60 000 Menschen verloren hat und eine der ältesten Bevölkerungen Europas. Liest man aber das von Oberbürgermeisterin Barbara Ludwig verfasste Editorial des Magazins «VISIT CHEMNITZ», ergibt sich ein vollständig anderes Bild: «Bauhaus, Neue Sachlichkeit, klassische Moderne, bahnbrechende Erfindungen wie den mechanischen Webstuhl, die Thermoskanne und das Feinwaschmittel: Das alles steckt in Chemnitz.» Thermoskannen, Feinwaschmittel – niedlich. Aber ganz im Ernst bewirbt sich Chemnitz als Europäische Kulturhauptstadt 2025, und das mit couragiert-selbstbewussten Worten: «Chemnitz kann auch europäisch. Einer der Gründe, warum wir uns als Kulturhauptstadt Europas 2025 bewerben, ist das Rezept, das die Stadt und ihre Menschen erfolgreich macht: eigene Wege gehen, Neues denken und Ungewöhnliches tun.» Es wäre eine Setzung, wenn daraus etwas würde. Und Balsam für die Seele.
Den hatte vor nicht allzu langer Zeit auch der aus Syrien stammende Theaterfotograf dringend nötig. Das Restaurant seines Vaters wurde von rechten Schlägern überfallen. Es flogen Steine und Fäuste, der Besitzer kam ins Krankenhaus. Das Geschäft eines Türken in der Nähe wurde von Neonazis abgefackelt, es war ein Wunder, dass die Wohnungen darüber nicht in Brand gerieten. Auch das ist Realität. Aber eben nicht nur in Chemnitz. Außerdem, so sagt es Christoph Dittrich, ist es das nicht, was die Mehrheit der Chemnitzer repräsentiert. Und schon gar nicht in seinem Theater. Einem Statisten musste er mal die Türe weisen, weil der ausländerfeindliche Slogans verbreitet hatte. Sonst herrsche an seinem Haus eine gute Stimmung. Die aber nicht verhindert, dass Agenturen, die ausländische Sängerinnen und Sänger vertreten, schon mal fragen, ob es dort in Chemnitz noch sicher sei für ihre Künstler.
Dieses Bild der Stadt in der Öffentlichkeit verstört viele. Auch Dittrich, gebürtiger Dresdner, ist davon deutlich angefasst. «Im September ist Chemnitz verletzt worden.» Schlimm daran sei nicht zuletzt die Tatsache gewesen, dass man ihm medial erklärt habe, wer und wie er sei. Doch gerade aus einer solchen Wunde, sagt der Intendant, resultieren besondere Heilkräfte. Sehr schnell sei das Immunsystem der Stadt hochgefahren. Es habe sich, aus authentischer Betroffenheit heraus, eine breite Phalanx von Menschen aus Kultur und Sport, Gewerkschaften und Kirchen gebildet, mit dem erklärten Ziel, dem Schmuddelkind, zu dem man Chemnitz erklärt hatte, unter die Arme zu greifen.
Das Sein bestimmt das Bewusstsein? Vielleicht ist es doch anders herum richtig. Denn es ist das Bewusstsein über die Probleme der Stadt, das das Denken über die Realität schärft und dazu anstiftet, ein Postulat von HG Helms in die Tat umzusetzen: Kunst müsse in jeder historischen Situation gesellschaftliche Relevanz erzielen, sonst sei sie keine Kunst. Klar, damit ist ein extrem hoher Anspruch formuliert. Aber besteht nicht gerade darin für ein Theater womöglich ein Gewinn, weil es stärker als zuvor im Fokus der öffentlichen Wahrnehmung steht?
Christoph Dittrichs Antwort ist mutig: «Ich kann das bejahen für mein Haus. Wir haben eine Verpflichtung empfunden. So wie wir das getan haben, haben wir gemerkt, dass wir einer gewachsenen Erwartungshaltung gegenüberstehen. Wir sind definitiv nicht die Profiteure einer politischen Entwicklung, aber wir sind uns des Anspruchs, der Aufmerksamkeit, der gestiegenen Wertschätzung bewusst.» Außerdem stehe das Theater schon durch die Wendezeit unter starker Beobachtung, seien Fragen unüberhörbar: Was machen wir hier eigentlich? Dürfen wir das noch? Ist das nicht luxuriös, 30 Millionen Euro aus der öffentlichen Hand, wenn man bedenkt, wie viele Schuhe anderswo drücken?
Das sind so Fragen. Das Theater beantwortet sie mit dem, was Dittrich eine «starke gesellschaftliche Hinwendung» nennt. Nicht erst seit der Krise im Frühherbst. Schon während der Flüchtlingswelle 2015/16 übernahm das Haus Patenschaften für einzelne Menschen, die aus Krisengebieten nach Chemnitz gekommen waren. Ein Akt normaler Humanität, findet der Boss: «Wenn wir Debattenoffenheit predigen, muss sie auch bei uns möglich sein.»
In gewisser Weise passt dazu Richard Wagners «Ring», jener umfängliche Diskurs über Macht, Machtmissbrauch und missglückte Liebe, den sich Dittrich und sein Team zum 875-jährigen Stadtjubiläum geschenkt haben. Es sollte ein besonders schönes Geschenk werden, also verpflichtete man absichtsvoll vier Regisseurinnen. Den Auftakt bildete im Februar Verena Stoibers Sicht auf «Das Rheingold», einen Monat später kam die «Walküre» von Monique Wagemakers heraus, im September folgte Sabine Hartmannshenns «Siegfried»-Deutung, und nun – als absolute Krönung – das Finale der Tetralogie, die «Götterdämmerung», in der Inszenierung von Elisabeth Stöppler.
Ein hinreißend grandioser, tief in menschliche Separées leuchtender Abend, an dem einfach alles stimmt – das Timing, die Geschichte, das Bühnenbild, die Kostüme, die musikalische Rahmung und Grundierung. Eine Stunde später, der Theaterplatz ist wieder leer, erschallt die Glocke von Sankt Petri, mächtig wie eh, elf Mal, scheinbar ungerührt. Doch etwas ist anders als sonst. Es ist der Himmel über Chemnitz. Er weint nicht mehr. Und da ist noch etwas. Der Mond. Am Tag zuvor hatte er sich hinter schwarzen Gardinen versteckt. Nun schaut er hinunter auf das Schmuddelkind. Und lächelt mild-versonnen.
Die Rezension der Chemnitzer «Götterdämmerung finden Sie hier.