Seit 2007 leiten Sie den Friedrichstadt-Palast und haben aus dem etwas vor sich hin dümpelnden Haus einen erfolgreichen Betrieb gemacht, ökonomisch und künstlerisch. Was hat Sie an der Tätigkeit gereizt?
Gefragt zu werden, ob man in die Fußstapfen von Max Reinhardt treten und die Bühne übernehmen will, war zunächst eine große Ehre. Zudem interessierte mich die Kunstform der Revue und tut es immer noch, weil sie die größte künstlerische Freiheit bietet. Oper ist fantastisch, aber sehr eingeschränkt, ebenso Musical und Schauspiel. Die Revue kann sich aus allen Bereichen bedienen. Ich kann eine Opernarie verwenden und gleich darauf Heavy Metal einspielen, wenn ich es künstlerisch zusammenbekomme. Es wird nie langweilig, weil es an uns liegt, etwas daraus zu machen. In den 1920er-Jahren waren Revuen sehr politisch, die Bilder hatten eine politische Aussage und waren durch ein Überthema verbunden. Im alten Großen Schauspielhaus gab es aber auch Nummernrevuen. Wir wollen jetzt die einzelnen Parts wieder mehr miteinander verbinden.
Wie sind Sie gestartet, noch ohne Erfahrung im Revuetheater?
Mit Offenheit, vor allem gegenüber den Menschen. Zudem bin ich allein gekommen, ohne eigenen Stab, und konnte auf die Mitarbeiter zugehen. Ich bin kein rückwärtsgewandter Mensch, und so führten Modernität, Innovation und Offensein für Neues hier zum Erfolg. Das klingt banal, aber Revuen verbindet man mehr mit Gestrigem. Die Stücke hießen «Hexen» oder «Casanova» oder «In 80 Tagen um die Welt», also Themen aus dem 18. oder 19. Jahrhundert. Wenn wir eine Relevanz haben wollen, müssen wir Heutiges machen. Das unterscheidet uns auch von vielen Musicals, die Kinoerfolge oder Musik aus der Konserve von Abba & Co. auf die Bühne bringen. Was wir machen, ist konsequent heutig, denn wir haben auch ein junges Publikum, das Dinge sehen will, die für es relevant sind. Aber auch meine Eltern, mittlerweile in den Siebzigern, schauen ja keine Heinz-Rühmann-Filme an, sondern interessieren sich für moderne Kunst und anderes.
Sie haben berühmte Designer mit großen Namen für die Revuen geholt wie Jean Paul Gaultier bei «THE ONE Grand Show» und aktuell der berühmteste Hutmacher der Welt, Philip Treacy. Damit erlangen Sie international sicherlich zusätzliche Aufmerksamkeit.
Ja, aber ich darf das nicht zum Prinzip erheben, man muss die Leute immer überraschen! Man muss immer wieder Muster durchbrechen. Wenn man es sich leichtmacht, ist das der Anfang vom Ende. Die Mitarbeiter sind zwar nicht immer zufrieden, wenn sie dauernd gefordert werden. Aber ich war ja auch Interims-Manager bei der Stage Entertainment und habe dort erlebt, dass die Misserfolge kommen, wenn man Erfolg hat und meint, dass das reicht. Gerade wenn ich Erfolg habe, muss ich etwas ändern!
Aber nicht nur künstlerisch, auch sozial und politisch engagiert sich der Friedrichstadt-Palast öffentlichkeitswirksam. Die günstigste Karte ist für 19,80 Euro zu haben, und wer sich auch das nicht leisten kann, erhält ein Ticket für 5 Euro, und das ohne Nachweis. Wie kam es dazu?
Im August 2016 haben wir das Projekt «Respect each other» ins Leben gerufen. Unter diesem Motto setzen wir konsequent unsere Vorstellungen von einem respektvollen Umgang der Menschen miteinander um. Die Ticketvergünstigungen gehören dazu.
Wird denn Ihre Großzügigkeit ausgenutzt?
Zunächst einmal: Wenn ich den Respekt ernst nehme, gehe ich erst mal davon aus, dass die Bedürftigkeit gegeben ist. Die 5 Prozent Idioten, die es ausnutzen wollen, sollen das tun. Aber ich möchte dadurch nicht die anderen 95 Prozent ausgrenzen. Alles Soziale hat eine Tendenz zum Ausgenutztwerden, das heißt aber nicht, dass die Mehrheit nicht dringend Hilfe braucht. Ich bekomme oft herzerwärmende Mails, etwa von einer alten Rentnerin, die früher oft Gast war und mit ihrer Freundin dank des Angebots wiederkommen konnte; oder von Großeltern, die ihre Kinder und Enkelkinder unterstützen – und mit denen dann kommen. Die meisten kratzen aber lieber die 19,80 Euro für das billigste Ticket zusammen, als dass sie ihre Bedürftigkeit kundtun. Außerdem sind wir eine staatliche Bühne, unsere Auslastung liegt bei 90 Prozent. Warum sollen wir die nicht verkauften 10 Prozent unbesetzt lassen? Es handelt sich um ca. 3000 bis 5000 Tickets im Jahr.
Das ist schon eine stattliche Zahl! Dann haben Sie ein weiteres Projekt, «Karten gegen Taten». Wer wird da bedacht?
Hier geht es um Betroffene von Hass und Gewalt, egal von welcher Seite, da sind wir politisch nicht festgelegt. Wir wenden uns dann an die Umfelder, die Lehrer, Kollegien – Lehrer sind ja oft selbst Opfer von Gewalt –, Opferorganisationen wie «Der weiße Ring» oder jüdische Organisationen. Wir machen sie auf das Angebot aufmerksam und vertrauen darauf, dass man uns Menschen nennt, denen wir eine Karte als Zeichen der Solidarität zukommen lassen. Das ist noch eine neue Kampagne.
Wie ist denn die Kampagne «Respect each other» entstanden?
Es begann damit, dass am Friedrichstadt-Palast regelmäßig eine antijüdische Demonstration vorbeizog, durch die Reinhardtstraße, benannt nach Max Reinhardt, weiter an der Großen Synagoge an der Oranienburger Straße vorbei und durchs Brandenburger Tor – anti-israelische und anti-jüdische Parolen brüllend. Dass so etwas möglich war, fand ich schon bemerkenswert! Man merkte, dass die Dinge ins Wanken gerieten, das hat sich dann ja mit dem rechtsnationalen Ruck bei der Bundestagswahl und den weiteren Wahlen bestätigt.
Wie planen Sie eine Show, sind Sie selbst involviert bei der Ideenfindung oder bei der Auswahl der Künstler und der Inhalte?
Das Kreativteam prägt die Richtung, ich bin auch beim groben Setting dabei. Ich schreibe aber nicht das Buch, auch keine Musik, und führe keine Regie. Was wir sagen wollen, das bestimme ich schon mit und schaue auch alles an und gebe grünes Licht. Das tue ich allerdings zu 95 Prozent, weil wir tolle Leute haben, die Tolles präsentieren.
Das betrifft ja auch die technologischen Neuerungen, über die wir noch berichten werden. Wie wird denn die aktuelle Show aufgenommen?
In der «VIVID Grand Show» haben wir viel von dem Vielfaltsgedanken eingebracht. Am Ende gibt es immer stehende Ovationen! Die Menschen haben kein Problem damit, dass wir Vielfalt und Freiheit verkörpern, die Mehrzahl sind eben anständige Menschen. Alle bekommen das Schild von «Respect each other» auf den Sitz, damit müssen sie dann umgehen. Die meisten nehmen es mit!
Das Gespräch führt Karin Winkelsesser