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Rechts raus

Interview mit Berndt Schmidt, Intendant des Friedrichstadt-Palastes

Am 9. November haben 140 Kulturinstitutionen eine Erklärung unterzeichnet, in der sie sich öffentlich und verbindlich verpflichten, sich gegenseitig zu unterstützen, wenn ihre Institution von der AfD oder anderen rechtsradikalen Organisationen angegriffen werden. «Der Friedrichstadt-Palast Berlin unterzeichnet die BERLINER ERKLÄRUNG DER VIELEN, weil wir aus eigenem Erleben wissen, was passieren kann, wenn man sich gegen Rechtsextremismus positioniert […] Gemeinsam ist man stärker», erklärt der Intendant des Friedrichstadt-Palastes, Dr. Berndt Schmidt. Der Weg zu seinem Büro führt quer durchs Haus, die Kindershow «Spiel mit der Zeit» wird gerade geprobt. Große und kleine Balletteusen aller Hautfarben wirbeln wie ein Bienenschwarm durchs Haus.

 

Herr Schmidt, was Sie zur BERLINER ERKLÄRUNG DER VIELEN gesagt haben, klingt ziemlich dramatisch, dazu kommen wir gleich. Sie haben in einem offenen Brief nach der Bundestagswahl 2017 geschrieben, dass Sie keine AfD-Wähler in Ihrem Hause haben wollten – so wurden Sie zumindest interpretiert. Das hat für viel Aufregung gesorgt. Was war das weitere Erleben?
Viele sind auf die AfD hereingefallen. Wir haben uns öffentlich von dem rassistisch-nationalistischen Weltbild distanziert, das die AfD vertritt. Die AfD hat umgehend daraus gemacht, dass ihre Wähler «ausgegrenzt» werden, ein rechtes Blatt hat daraus «unerwünscht» gemacht, und schon war der Zusammenhang mit der Judenverfolgung gesetzt. Ich habe keine Hausverbote erteilt, sondern festgehalten, dass sie Mittäter sind. Dazu stehe ich weiterhin. Ein Jahr später hat sich schon eine Menge verändert. Viele haben sich an der großen Demonstration «#Unteilbar» am 18. Oktober beteiligt. Auch jene, die mich angegriffen haben, sehen, dass die AfD im Kern immer mehr eine nationalistische und rassistische Partei ist; sie ist zwar demokratisch gewählt, aber sie vergiftet das Land. So verhalten wir uns angemessen, und ich glaube, dass man sich als Theater auch abgrenzen kann von dem Weltbild, was dort propagiert wird, das reine Deutsche, auch die völkische Kultur.

Der Berliner Kultursenator Klaus Lederer hat sich im vergangenen Jahr hinter Sie gestellt. Wie ging es weiter?
In der Woche darauf hatten wir eine Bombendrohung, das Haus musste geräumt werden, 1800 Zuschauer und 200 Mitarbeiter. Bei den Haushaltsberatungen im Kulturausschuss des Abgeordnetenhauses von Berlin stellte die AfD umgehend den Antrag, uns die Mittel zu kürzen. Wenn man sich mit extremen Parteien anlegt, können auch extreme Dinge passieren. Wer, wenn nicht die Theater, sollten sich dagegenstellen als Vorreiter und Speerspitze? Jetzt werden ja die Intendanten und Kulturschaffenden aktiv, in der BERLINER ERKLÄRUNG DER VIELEN bezeugen sie, dass sich die Theater und Institutionen gegenseitig stützen wollen.

Wie ist denn die Stimmung tatsächlich bei den Künstlern, die aus aller Welt kommen?
Ja, wir sind in der Tat sehr interkulturell. Im deutschsprachigen Theater gibt es ja fast nur weiße Deutsche. Nicht weiße Deutsche werden vor allem dann geholt, wenn die Hautfarbe Thema ist. Es gibt nur wenige Theater wie das Maxim Gorki Theater, die dagegen anspielen. Mit 250 Kids haben wir das größte Kinder- und Jugendensemble Europas – darunter viele mit asiatischem Hintergrund oder dunkler Hautfarbe. Das Angeschautwerden, Zischen, Anrempeln, Zurufe wie «Benimm dich, solange du hier bist», das sind so Kleinigkeiten, an denen sie merken, dass sie nicht mehr als Berliner Kinder, sondern als Fremdkörper wahrgenommen werden. Auch erwachsene Künstler, die einen internationalen Hintergrund haben und schon lange hier leben, fragen sich, ob sie hier noch erwünscht sind, und das macht ihnen Angst. Sie werden nicht unbedingt angegriffen oder angeschaut, aber sie merken, dass sich die Leute immer mehr herausnehmen, sie werden offen unverschämt. Das ist das Gift, was die AfD ausstreut. Früher wären Leute dafür sozial geächtet worden oder hätten ihren Job verloren.

Als reines Revuetheater erreichen Sie ja ein gesellschaftlich heterogeneres Publikum als das Theater- und Opernpublikum. Ist das für Sie auch Ansporn, Ihre politische Haltung «unters Volk» zu bringen? Das hat dann doch eine andere Breitenwirkung.
Das macht es aber nicht einfacher. Unser Haus hat zwei Diktaturen hinter sich – wobei ich die DDR auf gar keinen Fall mit dem Dritten Reich gleichsetzen will – aber es war kein freies Land. Die Gründer des Hauses in der jetzigen Tradition haben alle unter dem Nazi-Regime gelitten. Der jüdische Intendant Max Reinhardt floh und starb einsam in New York, der jüdisch-stämmige Regisseur Erik Charell musste ebenfalls Deutschland verlassen und der Architekt Hans Poelzig – ein sehr guter Architekt, der den Vorgängerbau, das Große Schauspielhaus für Reinhardt umgebaut hatte – wurde als entarteter Künstler verfemt. Das ist für mich eine Verpflichtung, dazu beizutragen, dass wir nicht wieder verschlafen in ein Viertes Reich taumeln. 

Haben Sie das Haus hinter sich bei Ihrer öffentlich geäußerten Haltung? «Respect each other» steht auf allen Visitenkarten, jeder ist somit Träger des Mottos …
Ich gehe davon aus, dass ein Großteil des Hauses dahintersteht. Ich stehe ja dem Haus vor und habe das Recht, die Richtung zu prägen wie alle Intendanten. Aber wir haben hier einen Querschnitt der Gesellschaft, sicherlich auch AfD-Wähler, aber das überprüfen wir ja nicht!

Die Aktualität der Berliner Erklärung hat uns gleich zu Ihrem politischen Engagement gebracht, nun wollen wir aber auch etwas über Sie und den Betrieb erfahren. Sie haben Wirtschafts- und Sozialwissenschaften studiert. Ihr beruflicher Einstieg – schnell offenbar auch ein Aufstieg – lief über die Tätigkeit als kaufmännischer Geschäftsführer bei einer Tochterfirma der Bertelsmann AG im Musikbereich, anschließend folgte von 2002 bis 2004 das Musiktheater Neuschwanstein in Füssen und dann die Stage Entertainment, jeweils in leitender Stellung. Hat sich die Hinwendung zur Musik ergeben oder war es immer Ihr Wunsch, in dem Bereich zu arbeiten?
Hier ist es ja nicht nur Musik – Tanz und Schauspiel spielen mit hinein. Aber es ist richtig, ich hatte immer einen guten Draht zu Künstlern. Nach meiner Promotion hätte ich auch zu McKinsey gehen können. Ich hatte aber eine Begabung in beide Richtungen – ich konnte gut mit Zahlen und mit Künstlern umgehen, und die Mischung war mir immer wichtig.  

In Ihrer aktuellen Tätigkeit ist diese Kombination ja sehr von Nutzen, vor allem, wenn Sie mit Zahlen umgehen können!
Ja, aber in der Kunst ist die Kombination nicht so verbreitet. In der Musical- oder Musikbranche gab es entweder die Menschen, die mit Zahlen umgingen, die Geschäftsleute, die Controller, und auf der anderen Seite die Künstler. Beide Seiten haben miteinander gefremdelt. Ich finde es eigentlich ganz gut, wenn man beides vereint, und es schadet keiner Seite! Zumal hier im Friedrichstadt-Palast der ökonomische Part eine wichtige Rolle spielt. Wir sind zwar ein staatliches Unternehmen, bekommen aber nur 15 Prozent unseres Budgets an Zuwendungen, während große Häuser ja oft 80 bis 85 Prozent erhalten. Wir hingegen sind zu Wirtschaftlichkeit gezwungen. 

Wissen Sie den Grund für die unterschiedlichen Subventionen?
Der historische Grund ist sicherlich die Unterteilung in U- und E-Kunst. Wenn Kunst nicht wehtut und Spaß macht, kann es wohl keine Kunst sein, das steckt dahinter. Ich fühle mich aber nicht benachteiligt, weil wir als Unterhaltungsbühne immerhin überhaupt gefördert werden. Die Stage Entertainment beispielsweise erhält ja nichts. 

Dass wir Subventionen erhalten, hat auch mit der Größe der Bühne zu tun, sie gilt ja immer noch als die größte der Welt. Die Bühne muss aber auch bespielt werden! In den anderen Revuetheatern wie in Las Vegas kann man die Bühne mit 15–20 Künstlern füllen. Wir haben Shows, wo bis zu 100 Darsteller gleichzeitig auf der Bühne sind, um eine vergleichbare Wirkung zu erzielen! Wir haben allein 60 Tänzer und 16 Musiker fest im Ensemble. Außerdem wird bei uns gefördert, dass wir als letztes Haus aus der Weimarer Zeit die Tradition der großen Revue pflegen und ein Kinder- und Jugendensemble mit über 250 Kindern unterhalten.

Seit 2007 leiten Sie den Friedrichstadt-Palast und haben aus dem etwas vor sich hin dümpelnden Haus einen erfolgreichen Betrieb gemacht, ökonomisch und künstlerisch. Was hat Sie an der Tätigkeit gereizt?
Gefragt zu werden, ob man in die Fußstapfen von Max Reinhardt treten und die Bühne übernehmen will, war zunächst eine große Ehre. Zudem interessierte mich die Kunstform der Revue und tut es immer noch, weil sie die größte künstlerische Freiheit bietet. Oper ist fantastisch, aber sehr eingeschränkt, ebenso Musical und Schauspiel. Die Revue kann sich aus allen Bereichen bedienen. Ich kann eine Opernarie verwenden und gleich darauf Heavy Metal einspielen, wenn ich es künstlerisch zusammenbekomme. Es wird nie langweilig, weil es an uns liegt, etwas daraus zu machen. In den 1920er-Jahren waren Revuen sehr politisch, die Bilder hatten eine politische Aussage und waren durch ein Überthema verbunden. Im alten Großen Schauspielhaus gab es aber auch Nummernrevuen. Wir wollen jetzt die einzelnen Parts wieder mehr miteinander verbinden. 

Wie sind Sie gestartet, noch ohne Erfahrung im Revuetheater?
Mit Offenheit, vor allem gegenüber den Menschen. Zudem bin ich allein gekommen, ohne eigenen Stab, und konnte auf die Mitarbeiter zugehen. Ich bin kein rückwärtsgewandter Mensch, und so führten Modernität, Innovation und Offensein für Neues hier zum Erfolg. Das klingt banal, aber Revuen verbindet man mehr mit Gestrigem. Die Stücke hießen «Hexen» oder «Casanova» oder «In 80 Tagen um die Welt», also Themen aus dem 18. oder 19. Jahrhundert. Wenn wir eine Relevanz haben wollen, müssen wir Heutiges machen. Das unterscheidet uns auch von vielen Musicals, die Kinoerfolge oder Musik aus der Konserve von Abba & Co. auf die Bühne bringen. Was wir machen, ist konsequent heutig, denn wir haben auch ein junges Publikum, das Dinge sehen will, die für es relevant sind. Aber auch meine Eltern, mittlerweile in den Siebzigern, schauen ja keine Heinz-Rühmann-Filme an, sondern interessieren sich für moderne Kunst und anderes. 

Sie haben berühmte Designer mit großen Namen für die Revuen geholt  wie Jean Paul Gaultier bei «THE ONE Grand Show» und aktuell der berühmteste Hutmacher der Welt, Philip Treacy. Damit erlangen Sie international sicherlich zusätzliche Aufmerksamkeit.
Ja, aber ich darf das nicht zum Prinzip erheben, man muss die Leute immer überraschen! Man muss immer wieder Muster durchbrechen. Wenn man es sich leichtmacht, ist das der Anfang vom Ende. Die Mitarbeiter sind zwar nicht immer zufrieden, wenn sie dauernd gefordert werden. Aber ich war ja auch Interims-Manager bei der Stage Entertainment und habe dort erlebt, dass die Misserfolge kommen, wenn man Erfolg hat und meint, dass das reicht. Gerade wenn ich Erfolg habe, muss ich etwas ändern! 

Aber nicht nur künstlerisch, auch sozial und politisch engagiert sich der Friedrichstadt-Palast öffentlichkeitswirksam. Die günstigste Karte ist für 19,80 Euro zu haben, und wer sich auch das nicht leisten kann, erhält ein Ticket für 5 Euro, und das ohne Nachweis. Wie kam es dazu?
Im August 2016 haben wir das Projekt «Respect each other» ins Leben gerufen. Unter diesem Motto setzen wir konsequent unsere Vorstellungen von einem respektvollen Umgang der Menschen miteinander um. Die Ticketvergünstigungen gehören dazu. 

Wird denn Ihre Großzügigkeit ausgenutzt?
Zunächst einmal: Wenn ich den Respekt ernst nehme, gehe ich erst mal davon aus, dass die Bedürftigkeit gegeben ist. Die 5 Prozent Idioten, die es ausnutzen wollen, sollen das tun. Aber ich möchte dadurch nicht die anderen 95 Prozent ausgrenzen. Alles Soziale hat eine Tendenz zum Ausgenutztwerden, das heißt aber nicht, dass die Mehrheit nicht dringend Hilfe braucht. Ich bekomme oft herzerwärmende Mails, etwa von einer alten Rentnerin, die früher oft Gast war und mit ihrer Freundin dank des Angebots wiederkommen konnte; oder von Großeltern, die ihre Kinder und Enkelkinder unterstützen – und mit denen dann kommen. Die meisten kratzen aber lieber die 19,80 Euro für das billigste Ticket zusammen, als dass sie ihre Bedürftigkeit kundtun. Außerdem sind wir eine staatliche Bühne, unsere Auslastung liegt bei 90 Prozent. Warum sollen wir die nicht verkauften 10 Prozent unbesetzt lassen? Es handelt sich um ca. 3000 bis 5000 Tickets im Jahr. 

Das ist schon eine stattliche Zahl! Dann haben Sie ein weiteres Projekt, «Karten gegen Taten». Wer wird da bedacht?
Hier geht es um Betroffene von Hass und Gewalt, egal von welcher Seite, da sind wir politisch nicht festgelegt. Wir wenden uns dann an die Umfelder, die Lehrer, Kollegien – Lehrer sind ja oft selbst Opfer von Gewalt –, Opferorganisationen wie «Der weiße Ring» oder jüdische Organisationen. Wir machen sie auf das Angebot aufmerksam und vertrauen darauf, dass man uns Menschen nennt, denen wir eine Karte als Zeichen der Solidarität zukommen lassen. Das ist noch eine neue Kampagne.  

Wie ist denn die Kampagne «Respect each other» entstanden?
Es begann damit, dass am Friedrichstadt-Palast regelmäßig eine antijüdische Demonstration vorbeizog, durch die Reinhardtstraße, benannt nach Max Reinhardt, weiter an der Großen Synagoge an der Oranienburger Straße vorbei und durchs Brandenburger Tor – anti-israelische und anti-jüdische Parolen brüllend. Dass so etwas möglich war, fand ich schon bemerkenswert! Man merkte, dass die Dinge ins Wanken gerieten, das hat sich dann ja mit dem rechtsnationalen Ruck bei der Bundestagswahl und den weiteren Wahlen bestätigt.  

Wie planen Sie eine Show, sind Sie selbst involviert bei der Ideenfindung oder bei der Auswahl der Künstler und der Inhalte?
Das Kreativteam prägt die Richtung, ich bin auch beim groben Setting dabei. Ich schreibe aber nicht das Buch, auch keine Musik, und führe keine Regie. Was wir sagen wollen, das bestimme ich schon mit und schaue auch alles an und gebe grünes Licht. Das tue ich  allerdings zu 95 Prozent, weil wir tolle Leute haben, die Tolles präsentieren. 

Das betrifft ja auch die technologischen Neuerungen, über die wir noch berichten werden. Wie wird denn die aktuelle Show aufgenommen?
In der «VIVID Grand Show» haben wir viel von dem Vielfaltsgedanken eingebracht. Am Ende gibt es immer stehende Ovationen! Die Menschen haben kein Problem damit, dass wir Vielfalt und Freiheit verkörpern, die Mehrzahl sind eben anständige Menschen. Alle bekommen das Schild von «Respect each other» auf den Sitz, damit müssen sie dann umgehen. Die meisten nehmen es mit! 

Das Gespräch führt Karin Winkelsesser