Rezensionen 25. Januar
Chemnitz: Wagner «Götterdämmerung»
Am 26. Januar, 22. April, 10. Juni
Der Klang der Robert-Schumann-Philharmonie ist, zumal in den Streichern, geschliffen wie ein Diamant, in den Motiven extrem scharfkantig. Und so scharf scheint auch der Wind, der den Nornen entgegenweht, die da, vermummt wie Teilnehmerinnen einer Polarexpedition und durch kräftige Seile verbunden, auf schmalen Grat in höchster Höhe heranschleichen, behutsam einen Fuß vor den anderen setzend.
Für das zweite Bild hat Annika Haller ein Felsrelief auf die Bühne gesetzt, auf dem Siegfried und Brünnhilde herumtanzen und -turteln wie zwei frisch verliebte Jungtauben. Tief steckt Eros’ Pfeil in ihren Wandererklamotten, und eigentlich will der kindlich-kraftmeiernde Held gar nicht raus aus diesem Venusberg, so massiv ist die verführerische Energie der Wotan-Tochter. Sie ist es, die den Liebestollen zur Abenteuerfahrt animiert, der Schlitten Grane steht schon bereit. Mit Stéphanie Müther und Daniel Kirch ist das Paar perfekt besetzt: zwei Sängerdarsteller, die ihre Rollen mit vokaler Verve, bärenstarker Kondition und totaler Hingabe verkörpern, die den Verwandlungsprozess beider Figuren hin zu tragisch-heroischer Konsistenz mit höchster Plausibilität vermitteln. Der tumbe Tor Siegfried mutiert, kaum ist ihm der Vergessenheitstrank gereicht worden, zum saufenden Zyniker, der viel zu spät realisiert, wie ihm geschah; die Natur-Walküre Brünnhilde – als Gunthers, von zwei robotergleichen, ganz in gelbes Polyester verhüllten Polarterroristen geraubte Braut in witwentristes Schwarz gehüllt – zur Erinnye und Weltbrandentfacherin. Doch dazu später.
Denn zuvor regiert die Monotonie des Daseins, der Ennui, in jener Bar, die, Edward Hopper lässt grüßen, die Gibichungenhalle vorstellt; einziges Requisit ist ein Eisbärenfell à la «Dinner for one», über das aber niemand stolpert. Das Fell dient der angeschickerten Gutrune (großartig: Cornelia Ptassek als kalte Schöne in sündhaft teurer Abendrobe) lediglich als Liegestatt. Das Glas immer wieder voll, die Miene leer. So wie auch die Gunthers (nicht minder eindrucksvoll: Pierre-Yves Pruvot), eines Fassaden-Snobs im Smoking, der bei der geringsten Erschütterung zusammenzuckt. Zwischen ihnen ragt der Barkeeper Hagen empor: ein finster dreinblickender Mann, regungslos wie eine Statue, cool wie ein Killer (zu dem er später tatsächlich wird, wenn er Siegfried kaltblütig abknallt), flankiert nicht nur von seinen Mannen, sondern von einer ganzen Gesellschaft feierwütiger Männer und (bei Wagner fehlender) Frauen, die sich abseits der Zivilisation jeder moralischen Hemmung entledigt haben.
Nicht die Götter sehen in Chemnitz ihrer Dämmerung entgegen. Es sind die Menschen einer verrohten, utopielosen Spaßgesellschaft, deren einziger Konsens in der Negation besteht, und deren Hölle sie selbst sind. Wer nicht mitspielt, hat verloren: Alberich ist ein heruntergekommener Säufer (und in dieser proletarischen Ruppigkeit bei Jukka Rasilainen blendend aufgehoben), die Rheintöchter vegetieren als verkrachte Existenzen im Hinterhof, Gutrune verfällt – nach der Affäre – dem Irrsinn und erschießt Hagen, der zuvor noch rasch Gunther erledigt hat, sodass in den Trümmern der ehemaligen Bar tristesse vier Leichen nebeneinander liegen.
Es folgt der Auftritt Brünnhildes. Während der Schnee leise vom Schnürboden rieselt, fingert Stéphanie Müther am Benzinkanister, willens, diese ganze kaputte Welt in Brand zu setzen, immer noch mit flammendem Timbre ausgestattet. Doch da ist etwas, das sie abhält von ihrem Tun. Die Hoffnung auf eine andere, bessere Zukunft. Und für diese Hoffnung findet Elisabeth Stöppler ein Bild, das nahe geht: Ganz am Ende, der Bühnenkasten ist inzwischen nach hinten gefahren, aus dem Graben steigen modulierende Wellen herauf, treten nach und nach die Frauen auf die nun menschenleere Bühne – die Rheintöchter, eine Norn, die entgeistert am Rand stehende Gutrune, Erda, Waltraute – und nehmen sich bei den Händen; Hagens Schlussworte dröhnen aus dem Lautsprecher, der Schlitten Grane wird angezündet; auf die Mienen jener Wesen, die von männlichem Wahn sich bedrängt und bedroht sahen, tritt plötzlich ein sanfter Schein.
Jürgen Otten
www.theater-chemnitz.de/ring/repertoire/infos/goetterdaemmerung/7543/