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Filme und Serien #4

«Shape of Water», «Die Verlegerin»

«Shape of Water»

Gelangweilt hatte ich mich nicht während des Films, manches ist recht hübsch und witzig, flottes Tempo, mit musikalischem Drive, guten Schauspielern, «state of the art» in vielerlei Hinsicht – die 13 Oscar-Nominierungen bringen das, ein bisschen übertrieben, zum Ausdruck. Aber schon beim Verlassen des Kinos, beim Nachdenken über «Shape of Water – Das Flüstern des Wassers» (2017), fing es in mir zu rumoren an, und weil es sich nicht um irgendeinen schlechten Film handelt, sondern um einen preisgekrönten und exemplarischen, muss ich meiner Verwunderung, meinem Zorn Ausdruck geben und Sie, lieber Leser, vielliebe Leserin, mit einem Verriss behelligen.

Baltimore, 1963. Elisa (Sally Hawkins) ist Putzfrau in einem streng geheimen Forschungslabor des US-Militärs und lernt dort im Rahmen ihrer Tätigkeit ein Amphibienwesen kennen, das angekettet in einem kleinen Bassin gefangen gehalten wird; in der Statur ist es menschenähnlich, vor allem im Mund- und Kinnbereich, aber eben mit Schuppen und Kiemen und Krallen und Zacken, eidechsenhaft, es könnte der etwas zivilisiertere Sohn der «Creature from the Black Lagoon» (1954, Regie Jack Arnold) sein.

Es kommt, wie es kommen muss: Sally, sie ist übrigens stumm (Außenseiter, behindert, aber das sagt man nicht mehr), verliebt sich, und Aquaman erwidert ihre Liebe. Da er im Laborverlies keine Zukunft hat, eigentlich nicht beforscht, sondern nur gefoltert wird und man ihn schließlich sogar umbringen will (damit die Russen ihn nicht bekommen, Kalter Krieg!), befreit ihn Sally mit Hilfe einiger «schräger» Freunde (einer übergewichtigen schwarzen Putzkollegin, einem von Haarausfall gezeichnetem schwulen Künstler, einem russischen Spion mit Gewissen); es gibt dann noch etliche Verwicklungen und Rückschläge, der Sicherheitschef und Hauptbösewicht Strickland (Michael Shannon), eine echte amerikanische Soldaten- und Faschistensau, erschießt sogar unser Liebespaar, aber zum Glück hat Aquaman eine besondere Heil-Begabung (ein bisschen wie E.T.), mehr will ich hier nicht verraten, jedenfalls werden die beiden wieder lebendig und können ins Meer entkommen, wo sie glücklich und zufrieden leben, unter Wasser, fernab der bösen (Menschen-)Welt, denn es stellt sich jetzt heraus, dass die geheimnisvollen Narben an Elisas Hals in Wirklichkeit KIEMEN sind!

Wer sich über diesen Quark beschweren wollte, dem würde Guillermo del Toro lächelnd (der 130-Kilo-Mann ist eine Frohnatur, immer wahnsinnig gut drauf) sagen: Mach dich locker, es ist doch nur ein Märchen! Das ist Fantasy, da kann man bekanntlich machen, was man will. Im Übrigen sei es «ein Film gegen Ausgrenzung und für Diversität», so der Regisseur und Drehbuchautor in einem Interview, letztlich gehe es darum, «dieses Wesen in seiner Andersartigkeit zu respektieren. Jedes Wesen.»

Diese Botschaft ist uns mittlerweile vertraut, vom kleinen Prinzen bis zu Dieter Bohlen, jeder zweite Werbeclip jault seinen Kunden an, dieser möge, bittebitte, in seiner ganz speziellen Andersartigkeit verbleiben. «Lebe deinen Traum!», bei del Toro heißt der Zauberspruch: «Es ist gut so, der zu sein, der du bist.» Natürlich gilt das nur für uns, die Guten, die unterdrückten Minderheiten, die Außenseiter; für Strickland, diesen perversen Psychopathen, gilt es nicht, auch nicht für Trump, auch nicht für Harvey Weinstein (hoffe ich jetzt mal). Über die USA sagt der Mexikaner del Toro: «Ein großartiges Land, wenn man weiß, männlich, heterosexuell ist. Für alle anderen ist allerdings kein Platz.» Wie schön, dass es in seinem Geburtsland den Farbigen, den Frauen, den Homosexuellen so gut geht. Endlich räumt ein von weißen amerikanischen Schlankheitsfanatikern diskriminierter mexikanischer Übergewichtiger mit der Legende auf, die USA seien das Land der Freien und Tapferen, bravo!

Guillermo del Toro ist also entweder sehr dumm oder sehr abgefeimt (Letzteres, vermute ich), und es ist zu befürchten, dass der berechtigte Hass auf Trump nun auch noch zu einem Triumph bei den Academy Awards führen wird. Der Film und vor allem die begleitenden Interviews sind in dieser Hinsicht nicht schüchtern, sie melken geradezu das Publikum. Und in gewisser Weise passen die beiden Moppelchen auch gut zusammen, haben einander verdient: Es sind Scharlatane, der eine freilich ein Bully und Schulhofschläger, der andere der Freund der Entrechteten und Diskriminierten, aber das kostet ihn nichts.

Del Toros Erfolgsfilm «Pans Labyrinth» konnte ich, als er im Fernsehen lief, nicht zu Ende sehen, zuviel Mystik und Poetisiererei für meinen Geschmack, auf jede rätselhafte Wendung werden zwei noch rätselhaftere Wendungen draufgepackt, das ist schon sehr ermüdend, bald durchschaut man es als Hütchenspiel. Die Inhaltsangabe auf Wikipedia endet mit den Sätzen: «An dem Baum, an welchen Ofelia ihr grünes Kleid gehängt hatte, sprießt eine weiße Blüte. Die Fee, die nun wieder ein Insekt ist, setzt sich neben die Blüte auf den Ast.» Da bin ich im Nachhinein froh, dass ich das nicht auch noch ansehen musste.

Wer radikale, anrührende Diversität im Kino erleben will, der schaue sich «Zootopia» an. Wer auf Wassermänner oder Meerjungfrauen steht, wird beim schon erwähnten Arnold-Film oder bei «Splash» gut gedient. «Shape of Water» ist ein zusammengeklaubtes, zusammengeklautes Potpourri dieser Themen und Motive, ein selbstgerechter, verlogener, im strengen Sinne: antiamerikanischer Propagandafilm; und wegen des verfluchten Trump hat so ein Machwerk jetzt Hochkonjunktur. Der Film ist von einem naiven Antirassismus beseelt und scheint nicht zu bemerken, dass er um seinen eigenen rassistischen Kern kreist; denn was machen wir mit den weißen heterosexuellen Männern der Vereinigten Staaten, die in diesem Modell der Diversität keinen Platz haben und keinen Respekt genießen? Bleib locker, Alter, würde del Toro schmunzeln, ist doch ein Märchen, so Fantasy.

Kurt Scheel

Steven Spielberg «Die Verlegerin» («The Post»)

Man bekommt zwei Filme zum Preis von einem: «The Post» (so der Originaltitel) und «Die Verlegerin» (so in den deutschen Kinos). Und in gewisser Weise auch zwei Erzählungen, beide aus heroischer und prä-feministischer Zeit. Die Pressefreiheit ist in Gefahr und die vierte Gewalt siegt mit Hilfe der dritten, der Justiz, über die zweite, die Exekutive. Und eine Frau besiegt sich selbst und ihre Erziehung während dieses Kampfes, der auch einer von Männern gegen eine immer selbstbewusster werdende, schließlich politisch denkende Dame der besten Gesellschaft ist, die sich von einer geschäftlich zaghaften Erbin zur zähen Verlegerin mausert.

Die Handlung spielt 1971 in Washington. Richard Nixon ist Präsident, es ist gegen Ende seiner ersten Amtszeit. Die New York Times veröffentlicht die Pentagon Papers, in denen die Lügengespinste über das amerikanische «Engagement» und die letztlich kriminelle Kriegführung in Vietnam dokumentiert werden, die alle Präsidenten von Truman über Eisenhower, Kennedy und Johnson bis hin zu Nixon der Öffentlichkeit aufgetischt hatten, um zu verschleiern, dass der Krieg nicht zu gewinnen ist und dass trotzdem weiterhin GIs – unsere boys – in die Schlachten und in den Tod geschickt werden.

Perfekter Zynismus dabei: In Auftrag gegeben wurde die «Studie» vom am Sterben und Morden mitverantwortlichen, seit 1961 amtierenden Verteidigungsminister Robert McNamara, der diese Wahrheiten nur für Wissenschaft und Nachwelt (also nach seinem Tod) hinterlassen wollte, weil er vom sturen Falken zur realistischen Taube mutierte, 1967 im Dissens mit Johnson über die Kriegsfortsetzung zurücktrat und schließlich noch Präsident der Weltbank wurde. Verraten – also an die Presse übergeben – wurden die Pentagon Papers vom Whistleblower Daniel Ellsberg, der an diesen Dokumentationen mitschrieb und unter dem Eindruck des politischen Betrugs zum «Verräter» wurde.

Denn Geheimnisverrat sahen Nixon und sein Großwesir Henry Kissinger in der Veröffentlichung durch die NYT. Und der Generalstaatsanwalt = Justizminister, dem Präsidenten untertan, erwirkte eine einstweilige Verbotsanordnung, der sich die Times beugte. Hier kommt die Washington Post ins Spiel – und deren Verlegerin. «Post»-Chefredakteur Ben Bradley, hochehrgeizig und als ehemaliger enger Freund John F. Kennedys noch immer einflussreich, will aus der eher verschlafenen hauptstädtischen Lokalzeitung ein zweites nationwide paper machen – ein Pendant zur NYT. Als die ausfällt, sucht er die bislang nur den New Yorker Kollegen vorliegende Dokumente und den Informanten. Als er beides gefunden hat, beginnt der interne Kampf. Veröffentlichen oder nicht?

Die «Post» steht seit längerem ökonomisch schlecht da und sucht in diesem Moment durch einen Börsengang frisches Geld. Die Männer im Vorstand sind gegen das journalistische Risiko. Die Eigentümerin und Verlegerin Katherine Graham schwankt. Sie ist Verlegerin wider Willen. Gekauft hatte die Post 1933 nach einem ersten Bankrott für wenig Geld ihr Vater, der Investment-Banker Eugene Meyer. Verheiratet war der mit Agnes B. Meyer, der Mäzenin und – wie sie sich sah – Muse von Thomas Mann während dessen US-Exil. Der Schwierige entzog sich ihr, so gut es gelang, und nahm nur ihr Geld, so viel sie gab. Ms Meyer erzog, obwohl selbst eine durchaus macht- und selbstbewusste Emanzipierte, ihre beiden Töchter zu Ehe- und Hausfrauen. Nicht mehr, nicht weniger. Wenn auch deren Häuser besonders große waren.

Katherine Grahams hatte den Spitznamen „Second White House“. Sie war die Gastgeberin. Ihr Mann war, wie man heute sagen würde, Medienunternehmer, wurde nach der Heirat auch Herausgeber der «Post» – bis er sich, lange schon depressiv, 1963 erschoss. Seine Witwe wurde Chefin, einer ihrer besten Freunde und nach seinem Minister-Rücktritt auch Berater war McNamara – und der Konflikt programmiert. Die Dame der Gesellschaft will ihre Freunde und ihre Stellung nicht verlieren und muss letztlich als Verlegerin doch beides riskieren, um der Pressefreiheit und der Demokratie zu dienen.

Ein klassischer Konflikt. Und es spielen zwei klasse Schauspieler. Tom Hanks hat sich für Ben Bradley eine gediegene Nussknacker-Mimik zugelegt, ist ganz meinungsstarker Macher, dem seine mentalen Hosenträger helfen, sich gegen Finanz- und Society-Interessen im «Post»-Umfeld zu wappnen und schließlich durchzusetzen. Das ist eindrucksvoll. Aber doch auch ein bisschen holzschnittartig, etwas zu routiniert und eindimensional.

Viel spannender ist Meryl Streep als Katherine «Kay» Graham, die eine wirkliche Wandlung durchmacht. Zu Anfang ist sie kaum mehr als eine Kleiderpuppe, die ihre ererbte Rolle absolviert wie einen High Tea; die nicht mal den vorgefertigten Text beim Börsengang-Treffen mit den Bankern passabel zustande bringt; und nur bei ihren Parties und Dinners aufblüht und brilliert. Da erinnert sie sehr an ihre trutschige Fernseh-Köchin in «Julie und Julia» oder ihre verschusselt-schrille Gesangs-Sirene in «Florence Foster Jenkins».

Als der Konflikt aber da ist, ringt sie mit sich. Mit ihren bourgeoisen Haltungen und politischen (Vor-)Urteilen. Mit ihrer Schüchternheit, die einsetzt, sobald sie ihr Soziotop im Washingtoner Nobelviertel Georgetown verlässt: Im Verleger- und gar im großräumigen Redaktionsbüro der „«Post» wirkt sie wie Falschgeld – auch ihr Körper gehorcht ihr nicht, ihre Miene entgleitet, wenn auch langsam und irgendwie elegant. Als sie sich aber zum Druck durchgerungen hat, entfaltet sich eine Entscheidungstüchtigkeit, wie man sie von ihr kennt als Herrscherin in «Der Teufel trägt Prada», «Der Manchurian Kandidat» oder «Die Eiserne Lady». Glasklare Augen. Ein Stilett auf Stilettos. Streeps Wandlungsfähigkeit ist ja ohnehin stupend, aber hier bekommt man in einem Film die gesamte künstlerische Palette. Zum Preis von einem. Und sie dazu eine Oscar-Nominierung.

Steven Spielberg bleibt da künstlerisch bescheidener (trotz Oscar-Nominierung als bester Film). Seine Regie ist fast dokumentarisch genau. Set (Rick Carter und Rena DeAngelo) und Kostüme (Ann Roth) sind makellos zeitgerecht. Das Drehbuch von Liz Hannah und Josh Singer, der mit «Spotlight» – gleichfalls ein Doku-Spielfilm über investigativen Journalismus – 2015 bereits einen Oscar bekam, ist pointiert und fluid. Der politische Zeigefinger in die Gegenwart (Trump, Lügen, Fake News, Pressefreiheit in Gefahr) ist immer deutlich, aber nicht zu aufdringlich. Das ist alles in aufklärerischer Absicht höchst ehrenwert, aber auch ein bisschen überraschungslos. Und für den, der wie ich die frühen Siebziger bereits als politisch denkender junger Mensch miterlebte, hat die reibungsfrei gefühlsecht anmutende Rekonstruktion jener Zeit(stimmung) auch etwas Luftabschnürendes. Mehltau macht sich breit.

Der Film endet mit dem Einbruch von Nixons Helfern 1972 in Büros im Watergate Komplex, in denen sich das Wahlkampfzentrum der Demokratischen Partei für die Präsidentschaftskampagne befand. Der Einbruch wird entdeckt. Nixon wird dennoch im November wiedergewählt. 1974 tritt er dann zurück, nachdem seine Verwicklung ins Verbrechen beweisbar ist, um einem Impeachment und der Amtenthebung zuvorzukommen. Wer jetzt nicht an Trump und den Sonderermittler Mueller in Sachen Russland & Wahlbeeinflussung denkt...

Mit aufgedeckt wurde all das durch zwei Reporter der «Post», Bob Woodward und Carl Bernstein; ihr Chef war Bradley; die Verlegerin noch immer Kay Graham. Alan Pakula hat 1976 mit «All the President’s Men» daraus einen hochspannenden Film gemacht, mit Robert Redford und Dustin Hoffman als journalistischen Spürhunden. Spielberg ist souverän genug, mit der Schluss-Sequenz und etlichen Kamera-Einstellungen zuvor an diesen Film zu erinnern, der direkt aus der Zeit der Handlung heraus seine vereinnahmende Kraft bezog. Man sollte auch «Die Unbestechlichen» (so der deutsche Titel) jetzt wieder anschauen, Trump wie seinem Vorgänger Nixon zum Trotz.

Michael Merschmeier