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Filme und Serien #3

Alles Geld der Welt; Wind River

Ridley Scott «Alles Geld der Welt»

Was wäre, wenn? Wenn Kevin Spacey J. Paul Getty I. gespielt hätte, denn reichsten Mann aller Zeiten (Vermögen zeitentsprechend gewichtet)? Jetzt spielt den Christopher Plummer, ein schratiges Urgestein-Gesicht verglichen mit dem glatt-gefährlichen Spacey (Werbe-Trailer mit ihm gab es im Netz schon zu sehen, bevor...). Plummer spielt den misanthropischen Milliardär Getty gleichsam als Wiedergänger von Konrad Adenauer, mit geheimnislos tiefgründigem Leder-Face, das keinen Schmerz kennt – außer bei Geldverlust. Der Einspringer ist ironischerweise völlig zu Recht für einen Oscar nominiert.

Plummer ist aber leider auch der einzige Grund, diesen ansonsten allenfalls mittelprächtigen Film anzuschauen, der die Entführung des Getty-Enkels durch italienische (Mafia-)Gangster Anfang der Siebziger aufwärmt und die dazugehörige geizgeile Verweigerung des Großvaters, das Lösegeld zu zahlen. Denn wie sieht das sonst aus? Neben Plummer steht im Zentrum etwa Mark Wahlberg alias Marky Mark, ehedem berühmt als muskulöses genitalfixierendes Calvin-Klein-Unterwäschemodel. Soviel An- bzw. fiktive Auszüglichkeit darf schon sein. Trotz Spacey. Keine Freude jedenfalls, Wahlbergs bescheidenes schauspielerisches Talent dauernd zu betrachten (der Film dauert 132 Minuten!). Überhaupt hat Ridley Scott keine Figuren entfaltet. Sondern nur eine schein-spannende Geschichte arrangiert, die ihm Kassen- und Oscar-trächtig genug erschien. Daraus ist nichts geworden, aus dem zweiten Motiv. Beim ersten muss man noch abwarten.

Wenn ich ehrlich bin: Ich hätte den Film nicht so rasch angeschaut und vielleicht nie darüber ein Wort verloren, wenn nicht.... Genau. Die Zensur! Und der Nachdreh wegen Spaceys Eliminierung. Der hatte ja nun mal, so der Vorwurf, vor Jahren und Jahrzehnten immer wieder Knaben, richtiger: junge Männer – sexuell – belästigt; nichts Strafbares, aber doch ziemlich unpassend. Spacey wurde nun nicht nur aus der letzten Staffel von «House of Cards» (zum Vorwurfszeitpunkt noch ungedreht) herausgeschrieben als Präsident und zuletzt dann Präsidentinnen-Gatte Frank Underwood, sondern auch aus dem schon gedrehten Film «Alles Geld der Welt» herausgeschnitten und durch den flugs einmontierten Plummer ersetzt.

Geld regiert die Welt. Und Ridley Scott war immerhin ehrlich genug, das potentielle Kassengift Spacey als Hauptgrund für den Nachdreh zuzugeben, nicht etwa #MeToo-Sympathien zu heucheln. Der Nachdreh ist tatsächlich ein zweites wirklich brisantes Thema. Wie kann es sein, dass die besseren Szenen, also die mit Plummer als Getty I. – und die machen sicher ein Drittel des Films aus -, so rasch nachzufertigen waren? Die wichtigste Erkenntnis, die «Alles Geld der Welt» somit bietet, ist, dass Zeit zwar auch Geld ist, aber nicht unbedingt Qualität garantiert. Und dass Zeitmangel nicht per se ein Qualitätshindernis sein muss. Es gibt da womöglich ein veritables Einsparpotential auch und vor allem bei monströsen Ausstattungsfilmen. Zumal, wenn man sich auf Schauspielkunst konzentriert, konzentrieren muss, wie es jetzt bei Plummer der (Not-)Fall war. Das ist eine gefährliche Erfahrung/Erkenntnis nicht nur für alle Hollywood-, sondern auch alle weltweiten Sonstwo-Produzenten. To be observed.

Michael Merschmeier

Wind River

Auf «Wind River» (2017) habe ich mich regelrecht gefreut, weil mir «Sicario» und «Hell or High Water» sehr gefallen hatten, ebenfalls Filme nach Drehbüchern von Taylor Sheridan. Beim jüngsten hat er nun auch Regie geführt, und er hat es gut gemacht.

Wind River ist ein Indianerreservat in Wyoming; im Winter ist es an manchen Tagen so kalt, dass man schon durch zu schnelles Atmen die Lunge beschädigen kann. Eine erhabene Landschaft, urtümlich, abweisend, nichts für Menschen.

Cory Lambert ist dort eine Art Jäger und Wildhüter, bei einer staatlichen Behörde angestellt. Statt auf einem Pferd ist er in diesem Spätwestern mit einem Schneemobil unterwegs, rast in Höllentempo durch die Wälder, springt über die Buckel (die rasante Kamera führt Ben Richardson, der ein feines Auge für Farbnuancen hat), und als wir schon denken, das sei jetzt doch ein bisschen viel Kinospektakel, erklärt Lambert, dass man so rasen müsse, sonst bleibe man in den Senken stecken. Dann findet er eine Frauenleiche, eine indigene Achtzehnjährige (vor zwei Jahren noch hätte ich besten Gewissens «eine achtzehnjährige Indianerin» geschrieben), sie wurde offenbar vergewaltigt und ist halbbekleidet in die Schneewüste geflohen, barfuß.

Zur Unterstützung der Reservatspolizei wird die FBI-Agentin Jane Banner (Elizabeth Olsen) geschickt, die jung und unerfahren, aber klug ist; und anstatt sich auf Machtspielchen einzulassen, erkennt sie, dass sie in dieser extremen, ihr völlig fremden Eiswelt (sie ist eigentlich in Las Vegas stationiert) einen Helfer braucht, einen Kundigen: Lambert. Gespielt wird er, wortkarg natürlich, von Jeremy Renner, der zu den Akteuren gehört, die nicht hübsch, fast hässlich sind, die man aber trotzdem gerne anschaut. Allein schon sein unspektakuläres Aussehen suggeriert Normalität, «a regular guy», das passt zu seiner Rolle, und er muss kein Method-Schauspieler und kein Superheld sein, sondern nur jemand, der sich auskennt. Er ist es auch, der mit ruhiger Autorität, ohne sich als Durchblicker aufzuspielen, den Fall löst und Rache übt, wie er dem Vater der Ermordeten versprochen hat.

Der Showdown mit den Vergewaltigern ist großartig, komisch und brutal. Es gibt dort eine brillante Rückblende, die sich mit den besten von Quentin Tarantino messen kann. Nick Caves Musik ist eindringlich, poetisch, ohne jemals die Bilder zuzuschütten. Die Intelligenz, die Bildung des Films, seine Ernsthaftigkeit erkennt man auch daran, dass auf alle Witze verzichtet wird, die das Buddy-Cop-Genre so zuverlässig produziert. «Wind River» hat erkennbar ein Anliegen, und vielleicht ist das gelegentlich ein Problem.

Einige ideologiekritisch interessierte Journalisten fragten hingegen, ob es nicht ein bisschen reaktionär sei, dass wieder einmal der Mann der Held ist, nicht die FBI-Frau, unter dem Gesichtspunkt der Gendergerechtigkeit? Und sie fragten weiter: Ist es nicht bei diesem ambitionierten Film fast ein Skandal, dass ausgerechnet zwei Weiße im Vordergrund stehen, die «Rothäute» hier zwar nicht mehr, wie früher, die entmenschten Täter und Skalpierer sind, aber eben doch nur als Opfer dargestellt werden, die ihr Geschick nicht in die eigenen Hände nehmen können?

Berechtigte Fragen, aber dieses Problem entsteht dadurch, dass der Film, gerade aus Empathie mit den Native Americans, deren Leidensgeschichte festschreibt. Die trotzig-weinerliche Reaktion des Vaters der Ermordeten beispielsweise ist irritierend: statt der Kinderweisheit «Ein Indianer kennt keinen Schmerz» nun also «Ein Indianer kennt nichts als seinen Schmerz». Aber ist das soviel besser? Und wie kann man damit leben?

Schlecht, ist die Antwort des Films, und als Grund für die Verwahrlosung, Depression, Zukunftslosigkeit im Reservat muss denn auch wieder einmal die endlose Opfergeschichte herhalten: Im Abspann wird darauf hingewiesen, dass in den USA sehr viel mehr Fälle spurlos verschwundener Natives ungeklärt bleiben als bei anderen Ethnien, das soll wohl als Beleg für den andauernden Rassismus gelten.

Eine ähnlich simple Letztbegründung liefert übrigens der Vergewaltiger, als Lambert ihn schließlich stellt: Es sei die unmenschliche Kälte gewesen, jammert er, die Finsternis und Frauenlosigkeit, das habe ihn praktisch zu seiner Untat gezwungen. Und wer sei schuld? Die Bergwerksgesellschaft, die habe ihn ja erst an diesen verfluchten Ort gebracht! Wir verstehen: Eigentlich ist der Kapitalismus der Vergewaltiger.

Meine etwas vergiftete These lautet also: Es sind wieder einmal die besten Motive – Gerechtigkeit für Indianer, Schluss mit der Diskriminierung! –, die diesem Kunstwerk in die Quere kommen. Warum, beispielsweise, ist es dramaturgisch notwendig, dass Lamberts halbindigene Tochter einem ähnlichen Mord zum Opfer fiel, der nie aufgeklärt wurde? Um dem Insert im Abspann Gewicht zu verleihen? Dass Lamberts Ehe mit einer (wunderschönen) Indianerin nach diesem Schicksalsschlag in die Brüche ging, weil alles andere «erpresste Versöhnung» wäre, ist auch so eine klischeehafte Wendung, um das Trauma- und Schreckensmotiv der indianischen US-Geschichte zu verstärken – mit der Tendenz zu Larmoyanz und Opferkult.

Das große Gegenbild bleibt «The Searchers»: John Wayne als übler Rassist und pathologischer Rothauthasser, der ein von Indianern entführtes weißes Mädchen töten will, weil es nun sozusagen infiziert sei – und dann, nach seiner jahrelangen Suche, nimmt er es in die Arme, ohne dass diese Kehrtwendung im Film plausibel begründet würde, es geschieht einfach, hier im Kunstwerk, nur im Kunstwerk, weil alles andere unerträglich wäre, wie es so oft im wirklichen Leben ist. «Wind River» ist ein eindrucksvoller Western, der John Ford gefallen hätte. Ein bisschen weniger Sentiment und Betroffenheit hätten ihm jedoch gut getan.

Kurt Scheel