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Filme und Serien #2

«Hellzapoppin – In der Hölle ist der Teufel los», «Der seidene Faden»

«Hellzapoppin – In der Hölle ist der Teufel los»

«Hellzapoppin – In der Hölle ist der Teufel los» (1941) habe ich Mitte der fünfziger Jahre gesehen, in den «Altenwerder Lichtspielen», dem Kino meiner Eltern, in der Kindervorstellung. Ein riesiger Spaß, wir waren außer Rand und Band, alles war noch verrückter und chaotischer und lustiger als bei «Abbott und Costello»! Das aber lag daran, dass wir quasi drei Geschichten gleichzeitig sahen: H. C. Potter verfilmt genialerweise nicht einfach das erfolgreiche Broadway-Musical «Hellzapoppin» von Ole Olsen und Chic Johnson, sondern verfilmt die Verfilmung.

Und das ist eigentlich ganz einfach, wenn man es sieht. Am Anfang sind wir in der Hölle, mit richtigen Teufeln (Hörner, Schwänze, Dreizacke), die da irgendwelchen mit Gesang unterlegten Musicalquatsch veranstalten, dann kommen Olsen und Johnson in einem Taxi angefahren («I told the driver: Go to hell!»), und der Regisseur hat Einwände, aus dem Off, so etwas gehe nicht in einem Film, da brauche es eine Story, am besten eine Lovestory, und dann streiten sich die drei in einem Filmstudio darüber, wie es weitergehen soll. Sie sehen sich gemeinsam das Foto der Hauptlocation an, das Foto erwacht naturgemäß zum Leben, und da sind ja auch wieder Ole und Chic, diesmal als «Requisiteure», die systematisch in der Tradition des Slapsticks ihre Schätze zerdeppern, womit wir aber keineswegs aus dem Schneider sind, denn der Film, den wir sehen, wird immer, wie es ihm gerade passt, zwischen den (mindestens) drei Erzählebenen springen.

Das klingt alles viel komplizierter, als es in Wirklichkeit ist (wenn es denn die Wirklichkeit ist – viele behaupten übrigens, die Wirklichkeit gebe es EIGENTLICH gar nicht). Mit anderen Worten: «Hellzapoppin» ist nicht nur anerkannter Weise eine geniale, mit Kalauern, Jux, Dollerei und atemberaubenden Running Gags vollgestopfte Klamotte, sondern auch ein Musical bzw. eine Musicalparodie (was dasselbe ist) und, nicht zuletzt, eine ziemlich intrikate Reflexion über die Frage des Verhältnisses von Realität und Fiktion –  eine filmische Selbstreflexion, die viel subtiler und auch radikaler ist als alles, was der Kunst- und Autorenfilm und die ihn betreuende Filmkritik einige Jahrzehnte später zu dem Thema vorzubringen hatte. Aber indem es 1941 als Klamotte und Klamauk inszeniert war, und auch noch in Hollywood!, haben die kritischen Ernstler in Europa es schlicht übersehen.

Wenn der Filmvorführer Louie sich in den laufenden Film einmischt und mit Chic und Ole streitet, wird zur Ordnung gerufen: «Man kann doch nicht gleichzeitig mit den Schauspielern und dem Publikum sprechen!», woraufhin die beiden lachend von der Leinwand aus entgegnen: «Aber wir tun es doch!», und dann blicken sie frech in die Kamera und somit uns direkt in die Augen!

Einige meiner Lieblingsszenen: Per Dia-Einblendung wird Stinky Miller aufgefordert, sofort nach Hause zu gehen, und aus dem Publikum erhebt sich, zögernd, die Silhouette einen Knaben. Ein Mann trägt immer wieder eine Pflanze durchs Bild, sehnsüchtig «Mrs. Jones!» rufend, und sie wird jedes Mal größer, am Ende ist es ein ausgewachsener Baum. Martha Raye als mannstolle Schabracke singt die wunderbare Fotografiehymne «Get the Birdie!», die schwarzen «Harlem Congeroo Dancers» explodieren in einem ekstatischen Lindy-hop, der an Körperverletzung grenzt, bis heute unerreicht in Sex und Akrobatik. Mischa Auer als russischer Großfürst bzw. Hochstapler (was schon wieder dasselbe ist) tanzt Ballett – ich kenne keinen Film, dessen Gag- und Kalauerdichte, dessen Einfallsreichtum so groß, so verschwenderisch ist.

Und trotzdem habe ich jetzt, beim etwa fünften Anschauen der DVD, kaum gelacht. Was nicht nur daran liegt, dass Komik sowieso einen leicht verderblichen Zeitkern hat (man merkt das sogar bei Shakespeare, dessen komischen Szenen sind nur selten noch zum Lachen), sondern daran, dass «Hellzapoppin» die Mutter eines eigenen Genres geworden ist: der filmischen Parodie von ganzen Filmgenres, 1977 «Kentucky Fried Movie», dann die «Nackte-Kanone»-Filme, mittlerweile gehören die brillanten Erfindungen von Potter, Olsen, Johnson zum Alltag, von Vorabend-TV-Serien bis hin zu mittelprächtigen Stand-up-Comedians. 

»Hellzapoppin» ist ein Archiv, hier hat es angefangen, voll Bewunderung sehen wir es, aber wir sind eher gerührt als von Gelächter geschüttelt. Ich würde mich freuen, wenn ich mich täuschte, probieren Sie es doch einmal aus, am besten mit Ihren Kindern, vielleicht müssen die ja lachen, wenn sie den Film zum ersten Mal sehen.

Kurt Scheel

Paul Thomas Anderson «Der seidene Faden»

Die Geschichte ist an den Haaren herbeigezogen und hängt zunächst an einem seidenen Faden, der Figur eines Londoner Couture-Schneiders, der sehr verschroben und zugleich ungemein erfolgreich ist; der sich bis zur Neurasthenie verfeinert hat, um seinem Handwerk, seiner Kunst frönen zu können; der sich auch seinen Musen, die er als erotische Anregerinnen braucht, nicht wirklich öffnet – sie kühl ablegt, sobald sie ihren Zweck erfüllt haben, weil sie ihn nach Gebrauch mehr enervieren als inspirieren. Er hat das Gefühl, dazu verdammt zu sein, nicht zu lieben. Bei der Entsorgung hilft ihm seine gleichfalls junggesellige Schwester, wie er Mitte/Ende 50, die das (Mode-)Haus nach innen und außen führt. Er lebt tatsächlich da, wo er arbeitet, in einem Londoner Townhouse mit vielen steilen Treppen; er kann und will ohnehin nicht unterscheiden zwischen Arbeit und Leben. 

Soweit. So einfach. Bis dann bei einem ungeplanten Ausflug aufs Land während des Frühstücks in einem Gasthof dem Lebensflüchtling das Leben begegnet in Gestalt einer kindgesichtigen Kellnerin, die ihn out of the blue ungemein fasziniert – und er sie. Das Unheil nimmt seinen Lauf. Sie folgt ihm nach London, in sein Haus, in seinen selbstgewählten Kerker der Kreativität – aber irgendwann, nach vielen hingebungswilligen Annäherungen ihrerseits und auch mancher Selbstdemütigung, ist sie dann nicht mehr folgsam, aber doch seine Frau. Oder gerade deshalb? Die darauf folgende Krise folgt genretechnisch einem Naturgesetz. Und das merkwürdige Ende der ansonsten gar nicht so ungewöhnlichen Geschichte soll hier nicht erzählt sein, denn es ist das einzige, was diesen Film – jedenfalls vom Plot her geurteilt – sehenswert macht.

Natürlich gibt es sehr schöne, sehr sehenswerte Bilder. Elegante, wenn auch mitunter etwas statuarische Mode der Fünfziger. Erlesenes Mobiliar im Couturehaus, das wie eine Gummizelle nur wirkt, aber nicht aussieht, und in den Restaurants, die man aufsucht. Kostümbildner Mark Bridges und die SzenenbildnerInnen Véronique Melery und Mark Tildesley sind für den Oscar nominiert, ebenso Johnny Greenwood für die schwelgende, zeigefingerisch unter- und übermalende Musik. Regisseur Paul Thomas Anderson («There Will Be Blood»), der auch das Drehbuch schrieb, hat alle Gewerke perfekt miteinander verfugt und die Geschichte wohltemperiert komponiert. Aber eben: gelegentlich perfekt bis zur wohltemperierten Blutleere.

Und es gibt sehenswerte Schauspieler. Im Zentrum Daniel Day-Lewis, der dreifache Oscar-Preisträger (einen bekam er für Andersons «There Will Be Blood»), der für den Part des Reynolds Woodcockin «Der Seidene Faden» nun zum vierten Mal nominiert ist. Was für ein Weg in den letzten gut 30 Jahren – vom schwulen Punk in Stephen Frears’ «My Beautiful Laundrette» (1985) bis zu Steven Spielbergs  «Lincoln» (2013, auch dafür ein Oscar), als Lewis den Bürgerkriegspräsidenten wie ein zag bewegliches und doch in Ehrfurcht vor dessen Bedeutsamkeit öfter erstarrendes Denkmal spielte.

Für die Gestaltung des Reynolds Woodcock, dessen Figur und Fashion dem spanischen Couturier Cristóbal Balenciaga entlehnt ist, lernte Day-Lewis Modezeichnen und Schneidern – ein Perfektionist wie das reale Vorbild, das sich die Regel gegeben hatte, jedes Jahr selbst ein Kleid, eine Robe zu nähen, auch dann noch, als sein Pariser Unternehmen viele Dutzend Mitarbeiter hatte, um nicht zu verlernen, was die handwerkliche Grundierung und Inspiration seiner Kunst war. Doch leider läuft sich all das im Hamsterrad eines am Method Acting orientierten Detailfanatismus zu Tode. Day-Lewis hat vor Erscheinen des Films angekündigt, dieser sei sein letzter – dem begnadeten Feinmechaniker der Darstellungskunst, wäre eine wahrhaft berührende Figur zum Abschied zu wünschen gewesen.

Dabei hätte es in «Der seidene Faden» an Mitspielerinnen für ein – auch im Film ja nur gemeinschaftlich zu verwirklichendes – Meisterwerk nicht gefehlt. Lesley Manville als Woodcocks Schwester Cyril ist eine herausragende englische Theaterschauspielerin, deren Filmkarriere 1987 mit «Sammy and Rosie Get Laid» begann (Regie ebenfalls Stephen Frears). Manville schraffiert ihre Figur als eine veritable Schwester der düsteren Mrs. Danvers aus Hitchocks «Rebecca», im Hintergrund immer herrisch umher huschend und all die nicht nur seidenen Fäden ziehend, die im «House of Woodcock» bedeutungsschwanger herumhängen – eine Dame von schneidiger Brillanz. 

Und im Kontrast dazu Vicky Krieps als Alma – jene wie aus einem Vermeer-Gemälde entsprungene, vermeintlich harmlose Frühstückskellnerin, die sich aus der milchigen Frische ihrer Unbedarftheit zur durchsetzungs- und liebesfähigen Beziehungsmachtspielerin entlarvt. Es ist ein großes Vergnügen, dieser Schauspielerin zuzusehen, die, wie sie in Interviews berichtete, den überlebensgroßen Kollegen erst vor der Kamera, am Set kennenlernen durfte – und die sich mit gelassener Bravour gegen die berechnete Ausgekältetheit des Reynold Woodcock = Daniel Day-Lewis wehrt und bewährt. Die 1983 in Luxemburg geborene, in Berlin lebende Krieps hatte bereits eine durchaus beachtliche Karriere im Fernsehen und auch im deutschen wie internationalen Film gemacht, bevor sie in «Das Zimmermädchen Lynn» (2014) von Anderson gesehen und dann für «Der seidene Faden» engagiert wurde. Sie ist der wirkliche «Star» des Films – une force tranquille – und der Grund, ihn anzuschauen. 

Michael Merschmeier