Rezensionen Januar 2023
«Die Rache der Fledermaus» am Hamburger Thalia Theater
Dass das Hamburger Thalia Theater «Die Fledermaus» (unter dem verlängerten Titel «Die Rache der Fledermaus») auf den Spielplan gesetzt hat, ist natürlich eine Anmaßung: Auch wenn man hier immer wieder Schlenker zum Musical und zum Musiktheater wagt, ist das Thalia doch ein Sprechtheater ohne besondere Operetten-Expertise. Das Ensemble mag gute Singstimmen besitzen, Felix Knopp ist aber deswegen noch lange kein ausgebildeter Tenor, Gabriela Maria Schmeide kein Sopran und Björn Meyer kein Bariton, und ein Orchester besitzt das Haus auch keines. Allerdings kann man natürlich improvisieren: Arno Waschk hat die Komposition für ein fünfköpfges Ensemble mit Schlagzeug, Piano, Saxofon und Akkordeon umarrangiert, beteiligt ist der Chor Klub Konsonanz, ansonsten gibt jede:r Schauspieler:in eben sein:ihr Bestes (und das ist, um ehrlich zu sein, auch schon einiges). Und Anna Sophie Mahler inszeniert «Die Fledermaus» dann als das, was der Stoff eben auch ist: als Tanz auf dem Vulkan, während rechts und links alles den Bach runtergeht. Was unter anderem den Bach runtergeht, ist: das Ökosystem. Mahler koppelt Strauß mit Thomas Köcks «und alle tiere rufen: dieser text rettet die welt auch nicht mehr», angekündigt als «Zwischenruf», aber tatsächlich nehmen die Köck-Passagen rund 50 Prozent des Abends ein. Schon gleich zu Beginn stellt ein Frosch klar (Cathérine Seifert spielt hier nicht die gleichnamige Nebenfigur aus Strauß’ Vorlage, sondern das Amphibium, genauer: einen Harlekinfrosch, ausgestorben Anfang des Jahrtausends), womit man es hier zu tun hat: «Das hier ist keine Operette. Das hier will Sie nicht unterhalten, das hier will niemanden beeindrucken, das hier will Sie nicht informieren.» Das hier will ganz nüchtern, kalt und ein bisschen traurig auf die sterbende Spezies blicken. Und biegt nach diesem langen, traurigschönen Vorspiel dann für eine ganze Weile doch noch in die Operettenschiene ab. Julian Greis und Gabriela Maria Schmeide also tauchen unter Taubenmasken auf und verfallen schnell ins Liebescouplet. Überhaupt verdienenen die kunstvollen Tiermasken von Julia Wilms, Esther Chabaznia, Maria Graf und Judith Rauprich eine gesonderte Erwähnung neben Pascale Martins Kostümen. Zwischendurch vögeln sie auch noch hübsch nach Taubenart, da verschränken sich dann kurz die Tier- und die Operettenebene, ansonsten wird Strauß aber recht inhaltstreu nacherzählt. Dass die Hosenrolle des famboyanten Prinzen Orlofsky hier mit dem männlich gelesenen Odin Biron besetzt wird, verleiht dem Stück einen reizvoll campy Zug, und wie der eigentlich gedemütigte Eisenstein (Felix Knopp) seinen Widersacher Falke (Björn Meyer) erst emotional und dann auch körperlich demütigt, lässt Abgründe erahnen.
Außerdem besticht der Abend durch hübsche handwerkliche Elemente: durch Karin Connans vielseitige Bühne, die ein per Video verstärktes Naturidyll nach einer Weile in eine Musical-Showtreppe verwandelt (und dann auch wieder auflöst). Oder durch einen nonchalanten Umgang mit der Musik: An einer Stelle greift Knopp zum E-Cello und Biron zur Violine, und wummernde Beats lassen Strauß’ Operette in beeindruckenden Indie-Elektro-Blues kippen, das ist schon sehr geschickt gemacht.
Den gesamten Beitrag von Falk Schreiber lesen Sie in Theater heute 1/23