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Rassismus?

Amilcar Moret Gonzalez zu John Neumeiers «Othello»

Amilcar Moret Gonzalez, Sie haben 2013 in John Neumeiers «Othello» die Titelrolle getanzt, außerdem haben Sie vor einem Jahr selbst eine Version des Stoffes auf die Bühne gebracht, «Othello 2.0» in Kiel. Verstehen Sie die Vorwürfe aus Kopenhagen, dass das Stück rassistische Elemente habe?
Nein, gar nicht. Ich verstehe wirklich nicht, was da passiert ist. Tänzer*innen, heißt es, fühlten sich unwohl mit einzelnen Szenen … Auch wir Tänzer sind Menschen, wir haben unterschiedliche Meinungen. Aber in John Neumeiers «Othello» sehe ich nichts, das man als rassistisch bezeichnen kann. Zunächst hat John das Stück ja nicht selbst geschrieben, das war Shakespeare, und als Choreograf bringt er eine Idee von dem Stück auf die Bühne. Und das Thema Rassismus steht schon im Stück, das ist nichts, das extra in die Handlung geschrieben wurde. Der Grund, weswegen Desdemonas Vater nicht akzeptiert, dass seine Tochter Othello heiratet, ist Rassismus, das steht alles bei Shakespeare.

Die Tänzer*innen in Kopenhagen hatten aber ein Problem mit einer bestimmten Figur, dem «Wilden Krieger». Die steht nicht im Stück.
Aber der «Wilde Krieger» ist eine heroische Figur. Der Krieger ist, wie sich Desdemona Othello vorstellt: stark, heroisch, Alexander der Große, nur in Schwarz. Wie kann man das falsch verstehen?

Es gibt außerdem Vorwürfe, dass im Tanz des Kriegers Bewegungen zu sehen seien, die an Affen erinnern würden …
John Neumeier hat das sehr genau recherchiert. Die Schritte sind inspiriert von afrikanischer Kultur, was durch die Verwendung der brasilianischen Batucada-Musik noch verstärkt wird. Wir haben auf der Welt riesige Probleme mit Rassismus, aber ich denke, dieses Ballett ist genau das Gegenteil! Neumeier zeigt die Kultur hinter einer schwarzen Person! Mich bezeichnet man in Kuba als «Mulato», ich fühle mich Schwarz – aber ich habe mich mit dieser Figur nie diskriminiert gefühlt.

Das gesamte Interview von Falk Schreiber lesen Sie in tanz 1/23