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Rezensionen Januar 2023

Foto: Camilla Greenwell

Britten «The Rape of Lucretia» in London

In Brittens «The Rape of Lucretia» herrscht die pure Gewalt, nicht nur in sexueller Hinsicht. Aber vor allem in dieser: Tarquinius, der Sohn des etruskischen Fremdherrschers (geradezu furchterregend stark: Jolyon Loy), reitet durch Nacht und Wind, um die Ehefrau seines römischen Mitstreiters Collatinus (Anthony Reed) zu entehren. Ein hammerhartes Stück Realität bis heute, nur schwer auszuhalten und noch schwerer zu «zeigen». Oliver Mears greift zu einem cleveren, dramaturgisch wie szenisch plausiblen Theatertrick, um die Geschichte für uns heutige Besucher zu erzählen: Er verwandelt die kommentierenden Protagonisten in beteiligte, besser noch: in unvermittelt betroffene Figuren. «Female Chorus» (leuchtend intensiv: Sydney Baedke) und «Male Chorus» (mit baritonaler Wucht und Würde: Michael Gibson) sitzen zu Beginn des Stücks in einem bürgerlichen Wohnzimmer auf einem beigefarbenen Sofa (Bühne: Annemarie Woods) und halten die Fotografie einer jungen Frau in Händen. Es ist ihre Tochter Lucretia (mit ihrem glühenden Sopran und auch spielerisch ein immenses Talent: Anne Marie Stanley) – und das Foto eine Erinnerung an jene längst verblichenen Tage, als sie noch das blühende Leben war und zu größten Hoffnungen berechtigte. Die fiktiven Eltern begleiten als Kommentatorin und Kommentator das folgende Geschehen, und auch hier greift Mears ein: Das Soldaten-Trio (neben den bereits Genannten gehört dazu noch der gehörnte Junius von Kieran Rayner) stürmt in Kampfmontur in ebenjenes (nun aber anders kontextualisiertes) Wohnzimmer und foltert eine Gefangene, die physiognomisch ein wenig an Lucretia erinnert und später – neben anderen mit dem Krieg assoziierten Gestalten – dem von einer posttraumatischen Belastungsstörung heimgesuchten Tarquinius in seinen schlimmsten Albträumen erscheint. Damit will Mears jedoch keineswegs die grauenvolle Tat des «Prince of Rome» entschuldigen oder erklären; er verweist nur auf eine momenthaft-situative «Realität», in der sich Menschen binnen weniger Augenblicke in hemmungslose Bestien verwandeln (können).

Den gesamten Beitrag von Jürgen Otten lesen Sie in Opernwelt 1/23