1981
Nurejew, Aids und der Tanz
Der Tanz ist eine jugendliche Kunst. Er ist jung – und wird es bleiben, weil sich das Tänzerleben, zumal das klassisch-akademische, in der Regel auf zwei Jahrzehnte reduziert. Woraus sich, mehr als vierzig Jahre nach dem Ausbruch der später AIDS genannten Seuche, leicht errechnet, dass eine ganze tänzerische Generation das Phänomen nicht aus eigener Erfahrung kennen kann, sondern vom Hörensagen. AIDS (Acquired Immune Deficiency Syndrome) war ein Hammerschlag, nicht nur für die Tanzwelt. Für den Tanz und die Tänzer*innen waren die Auswirkungen jedoch so verheerend, dass manche der Folgen weiterwirken bis ins Heute. Der Verlust an Menschen, zumal an schöpferischen Persönlichkeiten und deren kreativem Potenzial, war so gewaltig, dass die Behauptung nicht übertrieben ist, der Tanz sei als künstlerische Ausdrucksform nach den Höhenflügen der 1960er- und -70er-Jahre in den folgenden Jahrzehnten in ein Wellental geraten. Kein Zweifel, choreografisches Genie war in der Geschichte des Bühnentanzes zu jeder Zeit ein Rarissimum, Choreografie niemals lehrbar und erlernbar. Die Löcher jedoch, die AIDS gerissen hat, werden sich wohl erst in einer oder zwei weiteren Tänzergenerationen wieder ganz geschlossen haben. Die Zahl der Verlorenen ist Legion.
…
Rudolf Nurejew eilte von einem Auftritt zum nächsten. Weltweit. In seiner künstlerischen Wirkung am ehesten Maria Callas vergleichbar, war er der Inbegriff eines «Stars». Er beglückte die Zuschauer und füllte die Kassen. Weil dabei nicht nur die Spielstätten und Lebenswelten ständig wechselten, sondern auch seine tänzerischen Partnerinnen und Partner, erschien er mir besonders ausgesetzt, bedroht wie bedrohlich. Irgendwie, irgendwann, irgendwo würde, nein: müsse er sich in seiner Lebenslust und Freizügigkeit infizieren oder infiziert werden, natürlich unwissentlich. Und genauso ausgesetzt wäre, wer mit ihm tanzte, also auch das gesamte Wiener Ensemble. Wo seine Wiederkehr kurz bevorstand. Auch im Sommer 1981 war das Ballett der Wiener Staatsoper traditionsgemäß beurlaubt. Es waren allerdings recht kurze Ferien, weil gleich am Beginn der folgenden Saison ein großes und wichtiges Gastspiel in Athen bevorstand. Was zugleich hieß, kaum Urlaub machen zu können, um frühzeitig bestens trainiert zu sein. Wir waren eingeladen, im antiken Theater des Herodes Atticus sechs Vorstellungen von «Dornröschen» und «Schwanensee» zu tanzen, natürlich in den choreografisch von Nurejew selbst erarbeiteten Fassungen, und ebenso natürlich war es, dass der Choreograf auch als Tänzer im Zentrum zu stehen hatte. Allein er war es, dem wir die Einladung zu danken hatten.
Der spätsommerliche Ausflug nach Athen ist von allen Beteiligten als schön und erfolgreich erlebt worden. Nurejew selbst setzte dem gemeinsamen Glückserlebnis noch ein Krönchen auf, als er einige der führenden Solist*innen und mich dazu einlud, ihn bei einem Ausflug auf die Insel Spetsopoula zu begleiten, wo einer seiner Freunde und Bewunderer, der Reeder Stavros Niarchos, ein privates Paradies auf Erden eingerichtet hatte. Es war ein denkwürdiger Tag. Zwei Helikopter flogen uns in diese Traumwelt, und sie waren es auch, die beim Rückflug einen ebenso unvergesslichen Schlusspunkt setzten. Knapp über dem Boden touchierten einander die Rotorblätter der beiden Helikopter, sodass unsere Landung einem kleinen Absturz gleichkam.
Rudolf, zeitlebens geplagt von extremer Flugangst, war nicht an Bord. Er gönnte sich eine weitere Nacht auf der Insel. Wie alle Welt, so habe auch ich erst elf Jahre später erfahren, dass Rudolf Nurejew zum Zeitpunkt dieses Gastspiels in Athen bereits infiziert gewesen sein muss.
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