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Oper versus Film

Ein Interview mit der Regisseurin Marie-Eve Signeyrole

Sie sind und waren vieles in einer Person: Regisseurin, Autorin, Librettistin, Filmemacherin: Wie kriegen Sie das alles unter einen Hut?
Ich bin einfach an all diesen Dingen interessiert. Mit dem Filmemachen habe ich aber irgendwann aufgehört, weil ich nicht mehr die Geduld besaß, ständig auf etwas warten zu müssen. Beim Film wartet man die ganze Zeit. Es dauert drei Jahre, bis man Geld für ein Projekt kriegt. Wenn man etwas schreibt, darf man eine halbe Ewigkeit auf eine Beurteilung warten. Und das ist es, was ich an der Opernwelt liebe: dass ich das Gefühl habe, ich könnte mich die ganze Zeit selbst pushen, um noch mehr zu tun. Und dabei geht es nicht unbedingt darum, als Regisseurin perfekt zu sein – oder zumindest nahe an der Perfektion. Es ist die Perfektion der Musik, die mir die Möglichkeit gibt, verschiedene Dinge zu entdecken, um die Geschichte eines Stücks zu erzählen. Als ich Regieassistentin war, hatte ich das Gefühl, dass eine Regisseurin, ein Regisseur von der Musik in gewisser Weise limitiert wird. Das Gegenteil ist der Fall und etwas Wunderbares: Der wesentliche Grund für ein Stück ist seine Musik. Die Musik gibt mir einen Rahmen, eine Form, innerhalb der ich mit Worten, Bildern und vielen anderen Schichten arbeiten kann, um jeder einzelnen Figur eine individuelle Gestalt, einen individuellen Charakter zu verleihen. Im Film können Sie mit Musik arbeiten, die Sie hinzuerfinden, in der Oper geht das nicht. Anfangs war ich sehr beeindruckt von der Tatsache, dass die Musik etwas ist, das wir nicht brechen können.

Im Film brechen wir alles, und irgendwie ist es leichter, Filmbilder zu kreieren. Gleichzeitig brechen Sie die Zeitlinien, die in der Oper durch die Musik vorgegeben sind. Für mich war das eine wichtige Erkenntnis, um einen Weg zu finden, die jeweilige Geschichte zu erzählen. Aus der Welt des Films zu kommen, gab mir die Möglichkeit, zu experimentieren. Und weil ich als Regieassistentin gearbeitet hatte, kannte ich die Abläufe, ich wusste, welche Regeln es gibt. Innerhalb dieser Regeln konnte ich meine Freiheit finden. Am Anfang war es allerdings wie ein Kulturschock, weil viele Kritikerinnen und Kritiker der Meinung waren, ich würde die Musik töten; ich sei nicht mit ihr verbunden, ja nicht einmal an ihr interessiert. Meine filmische Welt war so dominant, dass sie den Eindruck gewannen, ich würde mich zu wenig um die Musik kümmern; das Interesse würde allein auf die Bilder gelenkt. Und ich sagte mir: «Ja, das stimmt.» Aber es stimmt eben auch nicht. Denn ich hatte immer das Gefühl, eng mit der Musik verbunden zu sein. Nur glaube ich, dass meine Art mit ihr umzugehen, eine Geschichte mit verschiedenen Bedeutungsebenen zu erzählen, zu viel für das zeitgenössische Publikum war. Inzwischen versuche ich, damit meine Arbeit transparenter wird, ein paar Schichten weniger zu verwenden, einige Bilder wegzulassen, um so das Publikum in meine Welt einzuladen.

Das gesamte Interview von Jürgen Otten lesen Sie in Opernwelt 1/23