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«Babtschik»

Netflix-Autor Yehonatan Indursky macht Theater

Wird «Babtschik» der neue «Shtisel»? Um keinen Jungautor wird derzeit in der israelischen Theaterszene intensiver geworben als um Yehonatan Indursky, mittlerweile weltberühmter Autor der extrem erfolgreichen, drei Staffel langen Netflixserie «Shtisel» über eine charedische (hebräisch: ultra-orthodoxe) Familie. Im Geheimen arbeitet er allerdings längst an seinem ersten Theaterstück, das im Frühjahr 2023 am Beit-Lessin Theater in Tel-Aviv uraufgeführt werden soll. Dem strengen Realismus seiner Serie den Rücken kehrend, möchte der 38-jährige, selbst aus ultraorthodoxem Milieu stammende Autor sein erstes Theaterstück «Babtschik» als eine Art modernes Märchen verstanden wissen. Der Todesengel höchstselbst verhängte vor vier Generationen, noch in der polnischen Bialystock-Diaspora, einen Fluch über die jüdische Restaurantbesitzerfamilie dieses Namens, und zwar nachdem der Ururopa Babtschik einem notleidender Chassid einen Teller des traditionellen Buchweizenbreis «Kasza» verweigerte, weil es schon Feierabend wurde. Stattdessen eilte Babtschick zur Feier seines 57. Geburtstags. Was er nicht wusste: Hinter dem armen Bettler steckte eben jener Todesengel, der sich, müde vom Tagewerk des Seelenholens, bei nichts anderem als dieser Speise erholen wollte. Seither müssen alle Babtschiks mit 57 dem Todesengel ihre Seele abgeben, oder, wie es im Stück heißt, «Brezeln backen gehen», allerdings erst, nachdem sie das Restaurant an den männlichen Vertreter der nächsten Generation vererbt haben, der das beste Kasza kocht. Der Vater Babtschik unserer Tage nun hat zwei Söhne: Der Jüngere kann gut kochen, ist gottesfürchtig und seines Vaters Liebling; der ältere ist ein charmanter Möchtegern, der in den USA, wohin er ohne den väterlichen Segen gefüchtet ist, angeblich gute Geschäfte gemacht hat.

Er ist Mamas Liebling, von der familiären Kochkunsttradition hält er nicht viel. Aus Neu-York bringt er völlig neue Attitüden mit, und wo sein Vater und Bruder sich als Glieder einer langen Traditionskette betrachten, erhofft er sich fnanziellen Gewinn. Überdies sind beide Brüder in dasselbe Mädchen verliebt: Den jüngeren fndet sie nicht besonders attraktiv, doch am älteren will sie sich rächen, nachdem er ihr vor seiner US-Reise die Treue brach. Die Lösung des dramatischen Knotens besteht nun in der Frage, ob und wie es dem jungen Babtschik gelingt, den alten Familienfuch aufzuheben, den frühen Tod des Vaters und damit auch die Spaltung der Familie abzuwenden? Ein Spoiler: schon, aber mit viel Witz, Humor und einer Schale Kasza, die er geradezu göttlich zubereiten kann. Orthodoxie und Weltlichkeit Doch warum ist ausgerechnet ein solches Theaterstück derzeit in Israel so begehrt? Warum kein scharfsinniges Polit-Drama aus der Schule Joshua Sobols oder kein neues Tanztheaterstück aus der Schule eines genialen Vorreiters wie Ohad Naharin? Und wieso lässt sich der mittlerweile säkular lebende Indursky in seinen Stücken und Drehbüchern so sehr auf die Traditionen ein, denen er schon mit 26, als vielversprechender Absolvent der renommierten Sam-Shpiegel-Film-und-Fernsehschule in Jerusalem, entkommen ist? «Wenn ich mir ein Drama über einen frommen Juden ansehe, dabei aber vergesse, dass es sich um einen frommen Juden handelt, und mich für seine allgemeinmenschlichen Bedrängnisse zu interessieren anfange, halte ich die Geschichte für gelungen. Ich schreibe lieber über charedische Juden, die innerhalb ihrer tagtäglichen Glaubenspraxis mit fundamental menschlichen Problemen ringen, etwa dem Mangel an Liebe.

Gerade das enge Regelwerk lässt dieses Ringen noch schärfer hervortreten. Und was bleibt uns im Leben schon anderes übrig als ein guter Seufzer aus tiefster Seele, als das gute Essen, in dem wir schon als Kinder schwelgten, und die Majsses (jiddisch: Geschichten und Märchen) unserer Kindheit, ohne die wir buchstäblich geschichtenlos wären?» Schon mit «Shtisel» kehrte Indursky dem vom zumeist nicht-religiösen Publikum erwarteten Konfikt zwischen Orthodoxie und Weltlichkeit weitgehend den Rücken. Also kein hoch erhobener Zeigefnger gegen die Strenge des charedischen Judentums, keine anti-religiöse Litanei mit Aufruf zur Aufehnung gegen strikte Bräuche und korrupte Institutionen. «Shtisel» zeigte ganz «normale» Konfikte auf, die in jeder Familie hätten stattfnden können, nicht nur bei den Dossim (hebräisches Schimpfwort für «die Gläubigen») mit ihrem komischen Aussehen, Sprechen und Ritualen. Indurskys Stück nun kommt gerade richtig in einer Theaterspielzeit heraus, die sich der Konfikte zwischen religiösen und nicht-religiösen Israelis annimmt, die seit jeher die israelische Gesellschaft auf allen Ebenen prägen.

Den gesamten Beitrag von Avishai Milstein lesen Sie in Theater heute 1/23