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Zeugen des Dialogs

Mats Staub und seine künstlerischen Arbeiten

Mats Staub befasst sich in seinen – oft installativen – künstlerischen Arbeiten mit den Biografen gewöhnlicher Menschen, häufig auf Basis von Interviews. Man könnte sagen, er sammelt Lebensgeschichten. Ihm selbst, der sich als passionierter Zuhörer begreift, geht es aber vielmehr darum, Gesprächsgelegenheiten zu schaffen und sich über Themen, die ihn beschäftigen, mit anderen Menschen auszutauschen. «Auch wenn sich das pathetisch anhört: In meiner Zeit als Dramaturgie- und Regieassistent habe ich gemerkt, dass ich nach meinem Herzen arbeiten muss. Nur dann kann ich gut sein», erzählt Staub. «Beispielsweise war das Jahr, in dem ich 21 war, sehr prägend für mich, auch wenn mir nicht ganz klar gewesen ist, wie das eigentlich zuging. Daraus ist seit 2012 das Langzeitprojekt ‹21 – Erinnerungen ans Erwachsenwerden› entstanden, bei dem ich mit mittlerweile 240 Personen in zwölf Ländern über das Jahr gesprochen habe, in dem sie 21 Jahre alt waren. Und es war bereichernd, mit so vielen Leuten darüber zu reden.»

Bevor er begann, systematisch Lebensgeschichten zu bergen, hat Staub Theaterwissenschaft, Journalistik und Religionswissenschaft studiert, als Journalist gearbeitet sowie als Regie- und Dramaturgieassistent am Theater Neumarkt in Zürich. Der damalige Zürcher Intendant bescheinigte ihm großes Dramaturgietalent, doch Staub selbst sah seine Zukunft nicht im Theaterbetrieb. Also schloss er, der immer Schriftsteller hatte werden wollen, mit sich selbst einen Vertrag auf zwei Jahre, es als Künstler zu probieren. Einen Vertrag, den er seither viele Male verlängert hat. «Ich wollte nicht dauernd in Zweifel geraten und dachte, zwei Jahre hältst du jetzt durch», so Staub. «Dann wird Bilanz gezogen. So habe ich mir Mut zugesprochen.» Etwas von Schriftstellerei hat seine Arbeitsweise durchaus, sowohl im Sammeln und Editieren von Geschichten als auch in ihrem Fokus auf die Erfahrung und Bewältigung persönlicher Krisen, Konfikte und Herausforderungen. Dabei interessiert ihn der Prozess des Erinnerns, ein Erinnern jenseits der Anekdoten, mit deren Hilfe wir uns unserer eigenen Geschichte wieder und wieder versichern. Geht es für ihn um das Benennen gesellschaftlicher Tabus oder blinder Flecken? «Ja», sagt Staub, «aber es kommt immer aus dem persönlichen Erleben.» «Death and Birth in My Life» beispielsweise, an dem er seit 2019 arbeitet, nahm den Tod seines Bruders zum Ausgangspunkt.

«Als mein Bruder gestorben ist, habe ich gemerkt, dass es fast keine Räume gibt zum Trauern», erzählt Staub. «Das war mir ein Anliegen. Und ich wollte zeigen, wie sich gute Gespräche über empathisches Zuhören entfalten.» In «Death and Birth» bringt der Künstler jeweils zwei Menschen zusammen, die sich häufg vorher nicht kannten und einander nun vor der Kamera anhand eines losen dramaturgischen Ablaufs von den Geburten und Toden erzählen, die sie erlebt haben. In der Installation selbst sitzen die Zuschauer:innen dem lebensgroßen Videobild der Erzählenden in kleinen Gruppen gegenüber und werden zu Zeug:innen ihres Dialogs.

Den gesamten Beitrag von Esther Bold lesen Sie in Theater heute 1/23

(Portrait: Sabrina Weniger)