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Antisemitismus-Debatte

Halévys «La Juive» in Dortmund

Als Heribert Germeshausen 2018 die Dortmunder Intendanz übernahm, gehörte zu seiner Vision einer «Ruhr-Oper 21» auch die Kontextualisierung von Wagners Musikdramen mit ihren französischen Vorläufern und Zeitgenossen. Diesen «Wagner-Kosmos», der 2020 starten sollte, wirbelte ihm die Corona-Pandemie gründlich durcheinander. Aubers Grand-Opéra «La Muette de Portici» strandete noch vor der geplanten Premiere, Peter Konwitschnys «Ring»-Inszenierung musste verschoben werden; immerhin die «Walküre» kam in der vergangenen Saison heraus. Jetzt hat Germeshausen mit Jacques Fromental Halévys «La Juive» ein Eigentor geschossen. Die 1835 uraufgeführte, seit den 1930er-Jahren von den Bühnen verschwundene, erst in den letzten beiden Jahrzehnten wieder häufiger gespielte Oper ist mit ihrem Ineins von christlichem Antisemitismus und jüdischem Märtyrertod angesichts der jüngsten Geschichte noch immer von brennender Aktualität. Diese Brisanz ist aber weder durch eine historisierende Stilisierung noch durch platte Aktualisierung oder gar anbiedernde political correctness zu haben, sondern einzig durch eine ästhetische Übersetzung, die die heutige Realität reflektiert. Lorenzo Fioroni und sein Team scheinen dies versucht zu haben – nicht anders als Jossi Wieler und Sergio Morabito 2008 in Stuttgart, Lydia Steier 2019 in Hannover oder jüngst David Alden in Genf, der das katastrophische Ende mit deutlichem Verweis auf die Judenvergasung konnotierte, während Calixto Bieito 2016 in München mit einer Betonmauer gleichzeitig die berüchtigte schwarze Todeswand in Auschwitz wie die Sperranlage um den Gazastreifen andeutete. Für Fioroni sollten neben der widersprüchlichen Zeichnung der Personen die Bilder einer sich steigernden Pogromstimmung der zentrale Fokus seiner Inszenierung sein.

Wie, muss offen bleiben. Denn zwei Wochen vor der Premiere trennte sich Germeshausen von Fioroni. Als Gründe dafür wurden antisemitisch (miss-)zu verstehende Judenkarikaturen sowie die Verwendung von Nazisymbolen kolportiert – insbesondere Letzteres hat Fioroni im Gespräch entschieden dementiert. Offensichtlich befürchtete man in Dortmund, in den Strudel der auf der letztjährigen «documenta» entflammten Antisemitismus-Debatte zu geraten, und ließ sich diese Gefahr von Vertretern der Jüdischen Gemeinde bestätigen. Beschädigt ist nicht nur Fioroni, der sich grundlos als potenzieller Antisemit verunglimpft sieht, sondern auch das Stück und seine Aufführung.

Der über Nacht als Ersatz eingewechselte niederländische Regisseur Sybrand van der Werf, der Halévys Oper noch nicht einmal kannte, stand vor einer unlösbaren Aufgabe und war völlig überfordert. Er konnte nur Feuerwehr spielen und löschen, was hätte Anstoß erregen können, zog dabei aber «La Juive» die politischen Zähne. «Gefährlich», so van der Werf, durfte das Stück jedenfalls nicht mehr sein. Die einzige Pogromszene findet jetzt im Kopf Éléazars statt, ist nicht «real», sondern Einbildung, Albtraum – mit einer Meute, die eher an ein Haberfeldtreiben denn an die Gewalt der Judenverfolgung erinnert. Damit aber wird das im Libretto ohnehin vernachlässigte Ideendrama vollends verharmlost, ja geradezu eingeebnet.

Den vollständigen Beitrag von Uwe Schweikert lesen Sie in Opernwelt 1/23