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Rezensionen Januar 2022

Richard Strauss: «Elektra» in Hamburg

Elektra ist in dem drahtigen Körper und durchaus auch der Stimme von Aušrinė Stundytė alles andere als das rachelüsterne Weibsbild mit hochdramatisch aufbrausenden Soprantönen. Die in der Partie bereits bei den Salzburger Festspielen gefeierte Litauerin schlägt mit Tcherniakov ein ganz neues «Elektra»-Kapitel auf. Sie spielt einen knabenhaften Trotzkopf, der nie zur Frau reifen durfte, weil die natürliche Entwicklung durch den Missbrauch in jungen Jahren abgebrochen wurde. Als einzige unter den Expertinnen der Verdrängung lässt sie die Bilder der Vergangenheit wieder aufleben. Gleich im Auftrittsmonolog «Allein, ganz allein», zu dem sich die Damen des Kaffeekranzes verstohlen verdünnisieren, kramt sie aus einem alten Pappkarton die Kleidung ihres Vaters heraus, fügt sie auf dem Esstisch gleich einem Fetisch zu dessen einstiger Gestalt zusammen und schmückt den imaginierten Körper zwanghaft mit roten Rosen. Hinzu fügt sie Pferdchen und Hündchen aus Kindertagen. Ob das Geschenk von Spielzeug einst den Missbrauch begleitete? Kent Nagano schärft mit dem Philharmonischen Staatsorchester dazu passend die Härte der psychischen Polyphonie in Strauss’ Partitur; nur der Lautstärkepegel aus dem Graben macht der zwar gestaltungsintensiven, aber eben nicht ausladend großen Stimme Stundytės zu schaffen. Dank ihrer Wagner-Expertise hat Violeta Urmana mit solchen Problemen nie zu kämpfen. Messerscharf pendelt sie als Klytämnestra Deklamation und Gesangslinie aus. Ihr Auftritt als debile Alte im rubinroten Morgenmantel und AlzheimerFrühstadium beim Frühstück gerät grandios grotesk. Immer wieder kippt sie sich Zucker in den Kaffee, weil das Kurzzeitgedächtnis nicht mehr funktioniert. Doch bald taut sie auf, wird immer wacher, legt sich sogar ihre Ohrringe wieder an, als ihr das endlich mal nicht störrische KnabenTöchterchen die Linderung ihrer Alpträume verspricht.

Die gesamte Rezension von Peter Krause lesen Sie in der Januarausgabe von Opernwelt