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Die Langsamen werden schneller

Der Molekularbiologe Alexander Aulehla über seine Zusammenarbeit mit dem Choreographen Iván Pérez an «Oscillation»

Ein Forscher im Labor und ein Künstler in der Probebühne arbeiten zusammen. Wie kam der Kontakt zustande?
Begegnet sind wir uns, weil eine Studentin, Mariana Alves, ihn traf und Iván ihr erzählt hat, dass er ein Stück über Oszillation machen möchte. Bei uns redet die ganz Forschungsgruppe über nichts anderes. Also haben wir uns getroffen, und es hat geklickt. Ich erinnere mich sehr gut an die erste Begegnung. Wir haben sofort über Parallelen gesprochen: Wie entwickelt ein Kollektiv – von Zellen oder von Tänzern – einen gemeinsamen Rhythmus? Wir haben in unserer Forschung Zellen gefunden, die schnell oszillieren und welche, die langsam oszillieren. Wenn wir sie in einem Experiment nun miteinander vermischen – Frage, was passiert dann?

Entweder dominiert eine Geschwindigkeit oder die Geschwindigkeiten passen sich aneinander an?
Ja, aber welche ist die richtige Antwort? Viele Biologen sagen: Eine dominiert, und zwar die schnellere. Ganz wenige sagen, die langsame, was ich auch spannend finde. Wieso nicht? Aber warum denken die meisten, das Schnelle dominiert? Die Wahrheit ist, und so haben wir es auch publiziert, dass sie sich in der Mitte treffen. Das heißt, wir haben beobachtet, wie die schnellen Zellen langsamer werden und die langsamen Zellen schneller werden, bis sich beide tatsächlich in der Mitte treffen.

Die ideale Gesellschaft.
Nicht wahr? Aber fragen wir, warum wir so oft die Antwort bekommen, dass der Schnellere dominiert? Auch das spiegelt unser gesellschaftliches Verhalten wider. Wir glauben an die Schnellen und nicht an die Langsamen.

Läuft eine Sippe mit vielen Kamelen durch die Wüste, kann sie nicht schneller sein als das langsamste Kamel.
Aber das langsamste Kamel wird schneller werden. Die Langsamen werden schneller. Das fand ich sehr faszinierend. Bei uns heißt das, molekulare Oszillatoren zeigen ein Verhalten, das man, wenn man so will, auch als sozial und demokratisch bezeichnet. Sonst, das ist aber nur anekdotisch, wären die alten Griechen nie auf die Idee der Demokratie gekommen.

Das gesamte Interview von Arnd Wesemann lesen Sie in der Januarausgabe von tanz