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Der eigentliche Adressat

Ein Gespräch mit dem Soziologen Wilhelm Heitmeyer

Wenn AfD-Abgeordnete in Kommunal- und Landesparlamenten Anträge stellen, etwa unliebsamen Kultureinrichtungen Zuwendungen zu kürzen, müssen sie davon ausgehen, dass die anderen Fraktionen diese Anträge mit Mehrheit ablehnen. Ist das eigentliche Ziel solcher Anträge nicht das Budget zum Beispiel eines Theaters, sondern dessen Denunziation? Geht es im Kern um die Markierung eines Feindbilds?
Diese Rhetorik richtet sich natürlich auch an die eigene Anhängerschaft. Wenn die kulturpolitischen Interventionen folgenlos bleiben und die Anträge der AfD in Kulturausschüssen und anderen Gremien abgelehnt werden, können sich Rechtsextremisten erst recht als Opfer eines rot-grün-versifften Parlamentarismus verstehen und sich berufen fühlen, mit anderen Mitteln jenseits der Legalität aktiv zu werden. Das bedeutet dann häufig, dass sie Gewalt androhen oder ausüben.

Das ist die Logik eines Eskalationskontinuums, wie wir es im letzten Buch zu den rechten Bedrohungsallianzen beschrieben haben. Die kulturpolitischen Anträge und polemischen Reden in Parlamenten, etwa von AfD-Politikern wie Hans-Thomas Tillschneider, markieren Feindbilder. Ideologisch steht dahinter, das Deutschsein als Identitätsanker aufzurufen, ins besondere angesichts eines als bedrohlich wahrgenommenen oder erlebten sozialen und ökonomischen Wandels auf der einen Seite und einer politischen Instrumentalisierung im Sinne von Untergangsfantasien «deutscher Kultur». Die Aggression gegen ein Theater, das zum Beispiel Projekte mit Geflüchteten macht, dient der Bestätigung dieses Identitätsankers des Nationalismus. Dazu kommt, dass Polemiken gegenüber Kultureinrichtungen anschlussfähig sind für eine rohe Bürgerlichkeit, die kulturbeflissen ist, aber Ressentiments zum Beispiel gegen moderne Kunst, gegen Geflüchtete, Migranten, Homosexuelle und andere Minderheiten pflegt. Diese rohe Bürgerlichkeit wählt vielleicht nicht AfD, aber sie ist als Publikum ein Adressat der rechtsextremen Angriffe auf Kultureinrichtungen.

Sie sagten, die AfD strebe Einfluss auf gesellschaftliche Institutionen an. Derzeit ist nicht erkennbar, dass sich irgendeine relevante Kultureinrichtung inhaltlich oder personell für Einflüsse seitens der AfD oder ähnlicher Ideologen öffnet. Also – kein Problem?
Die Institutionen, in denen die AfD bereits vertreten ist, sind die Parlamente und Kulturausschüsse der Kommunen, der Länder und des Bundes. Die Frage ist, inwieweit es ihr gelingt, von dort aus auf die Kulturinstitutionen selbst, auf die Theater, Museen, Musikfestivals einhängt auch davon ab, ob die Zivilgesellschaft und die demokratischen Parteien das zulassen. Deshalb sind für Rechtsextremisten die Allianzen mit einer rohen Bürgerlichkeit so attraktiv.

Das gesamte Interview von Peter Laudenbach lesen Sie in der Januarausgabe von Theater heute