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Rezensionen Dezember 2022

Foto: Jörg Landsberg

Wassili Grossman «Leben und Schicksal» in Bremen

Wassili Grossman (1905–1964) verwebt in seinem tausendseitigen, systemkritischen und posthum 1980 erstmals veröffentlichten Werk unzählige Einzelerzählungen zu einem riesigen Historiengemälde. Allein das Personenregister des Romans umfasst dreieinhalb Seiten, und in zahlreichen weit verzweigten Szenen springt Grossman, der selbst als Kriegsreporter an der Wolga war, unruhig hin und her: zwischen Moskau und Stalingrad, zwischen sowjetischen Häftlingen in deutschen und in sowjetischen Lagern, zwischen Stalin im Kreml-Arbeitszimmer und Hitler in der Wolfsschanze, zwischen verfolgten Juden und verhafteten Parteikommissaren. Es ist ein monumentales, kaum fassbares Werk Zeitgeschichte. Umso beachtlicher ist die Bühnenfassung, die Armin Petras für die deutschsprachige Erstaufführung am Theater Bremen daraus destilliert hat und die tatsächlich spielerische Inszenierung, die ihm mit diesem tonnenschweren historischen Stoff gelungen ist.

Ins Zentrum stellt er die Familie Strum, die sich anfangs noch mit Perserteppich, Pelzen und chinesischer Vase ausstattet, später dann in einer sehr bescheidenen Ersatzwohnung ihr Zuhause findet. In raschen Wechseln schieben die zwölf durchweg überzeugenden Spieler:innen – mit u.a. Julischka Eichel als Gast und herrlich wandelbar mal in der Rolle eines Piloten, einer Ex-Kommunistin oder einer systemtreuen Personalchefin – die entsprechenden Kulissen auf die Vorderbühne. Sie rollen Teppiche aus, drapieren schnell ein paar Blumen und jede Menge Gewürzgurken, um dann in der skizzierten Kulisse von Mitläufertum und Widerstand, von Todesangst, Verzweiflung, Verlust und Verlogenheit, aber auch von stürmischer Liebe und pressierender Leidenschaft zu erzählen.

Den gesamten Beitrag von Katrin Ullmann lesen Sie in Theater heute 12/2022