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Etwas Neues machen

Ein Gespräch mit Boris Charmatz

Boris Charmatz, Sie werden ab September 2022 die Leitung des TTW übernehmen, haben aber nie mit Pina Bausch gearbeitet – wieso trauen Sie sich das zu?
Pina Bausch war ein Juwel dieser Stadt und ist Welterbe geworden. So viele Leute haben eine Beziehung zu ihrem Werk, zu ihr als Künstlerin. Ich habe viel mit Raimund Hoghe gearbeitet, der zehn Jahre bei ihr war. Er hat sie mir nahegebracht, auch A spekte ihres Werks: Wie du dich mit der Musik verbindest, mit deinen Gefühlen, wie du arbeitest mit dir selbst und mit den Tänzern. Außerdem arbeite ich jede Woche mit Raphaëlle Delaunay, die dem Tanztheater angehörte. Ich habe also nie direkt mit Pina Bausch zu tun gehabt, aber doch indirekt, und ich habe großes Interesse für Tanz-Geschichte. Sonst hätte ich nicht das «Musée de la danse» ins Leben gerufen.

Was ist so wichtig an Geschichte?
Sie kann ein Werkzeug sein, um die Zukunft zu öffnen, aufzuschließen. Sie ist keine Last, kein unnötiges Gepäck, sondern ein Wegweiser, der vorwärts zeigt. Das hat mich beflügelt, als man mich vor einem halben Jahr aus Wuppertal kontaktiert und eingeladen hat – obwohl ich natürlich Bedenken hatte: Wie kann ein Künstler auf Pina Bausch folgen? Trotzdem bin ich hingefahren.
Offenbar mit positivem Ergebnis. Ich habe Wuppertal, die Stiftung, die Company besucht – und ich habe mich verliebt. Das ist vielleicht romantisch oder naiv, aber ich dachte: Mit diesen Tänzern will ich arbeiten!

Nun sind Sie ja zuallererst selbst Choreograf – wie werden Sie das als Intendant des TTW handhaben?
Das ist meine Mission, so ist es verabredet. Ich werde choreografieren – es geht darum, für die Company künstlerische Freiheit zu finden und zu entwickeln. Wir müssen einen Boden finden und erfinden, einen «Tanzgrund» für das 21. Jahrhundert. Natürlich gibt es das Œuvre von Pina Bausch, aber ich komme, um etwas Neues zu machen, zu kreieren.

Das gesamte Interview von Dorion Weickmann lesen Sie in tanz 12/21