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Medien-Tipps

Andrea Chénier, Das Floß der Medusa, Young Men

Streaming: «Andrea Chénier» auf ARTE

Arte, 7. Dezember, 22.10 Uhr
Alles passt. Der Ort, das Stück, sein Schöpfer. Am 28. März 1896 wurde «Andrea Chénier», das heute populärste Bühnenwerk des vor 150 Jahren geborenen Umberto Giordano, im Teatro alla Scala aus der Taufe gehoben. Dorthin kehrt es nun, zum 50. Todestag des legendären Dirigenten und Komponisten Victor de Sabata, zurück. Riccardo Chailly dirigiert die traditionsreiche Inaugurazione. Ein Kassenfülller auch die Besetzung in Mario Martones Inszenierung: Anna Netrebko singt die Maddalena di Coigny, Yusif Eyvazov verkörpert den Titelhelden.

https://www.arte.tv/de/videos/078600-001-A/anna-netrebko-live-aus-der-mailaender-scala/

↓ Tipp 2

Buch: Franzobel «Floß der Medusa»

Das Floß der Medusa ist eine 8 mal 20 Meter große Projektionsfläche, auf der die ganze Menschheit Platz hat. Als das Floß am 18. Juli 1816 vor Westafrika im Atlantik entdeckt wurde, befanden sich darauf fünfzehn Schiffbrüchige, die dreizehn Tage lang mit viel zu wenig Wasser und Proviant auf offener See überlebt hatten. Noch schauerlicher als diese Vorstellung ist eine andere Zahl: 147 Menschen waren ursprünglich auf dem Floß gewesen, und die hoffnungslose Zwangsgemeinschaft hatte sich nicht nur durch natürlichen Tod dezimiert. Manche stürzten sich freiwillig ins Meer, andere wurden hineingestoßen; etliche starben im Zuge von Raufhändeln, andere wurden regelrecht exekutiert. Auf dem Floß der Medusa galt das Recht des Stärkeren, zivilisatorische Tabus waren außer Kraft gesetzt; irgendwann begannen die Passagiere damit, das Fleisch der Toten zu essen. Die fünfzehn Männer, die auf dem Floß angetroffen wurden, hatten zwar ihr nacktes Leben gerettet, waren dabei aber zu Mördern und Kannibalen geworden.

In Géricaults großformatigem Gemälde «Das Floß der Medusa» wurde der dramatische Seenotfall bereits 1819 erstmals künstlerisch verarbeitet, Hans Werner Henze komponierte 1968 sein Oratorium «Das Floß der Medusa», und auch literarisch wurde der Stoff immer wieder aufgegriffen. Dass sich zuletzt der österreichische Schriftsteller Franzobel in diese Tradition eingeschrieben hat, kommt auf den ersten Blick allerdings etwas überraschend. Das Thema erscheint allzu schwer für diesen verspielten, sprachverliebten Autor, der selten einen Kalauer ungenutzt vorbeiziehen lässt und überhaupt nichts so ganz ernst zu nehmen scheint. Andererseits ist das Oeuvre des Vielschreibers Franzobel so vielseitig, dass er im Prinzip für so ziemlich jede Textsorte in Frage kommt. Seine Karriere begann mit dem experimentellen Prosatext «Die Krautflut», mit dem er 1995 den Ingeborg-Bachmann-Preis gewann. Seither verfasste er 15 Romane – vom «minimalistischen Heimatroman» bis zum «Trashkrimi» – und rund zwei Dutzend Theaterstücke, außerdem Gedichtbände, Kinderbücher oder Fußballtextsammlungen; mehr als 60 Titel umfasst Franzobels Bibliografie inzwischen. Warum also sollte er sich nicht auch einmal ganz ernsthaft an einem historischen Roman versuchen?

Auffällig ist zunächst, dass der Autor sich Sprachspiele und andere Gags diesmal weitgehend verkneift. Allerdings arbeitet er durchaus süffisant die realsatirischen Aspekte der fatalen Überfahrt heraus. Verantwortlich für die Katastrophe war nämlich purer Dilettantismus: Der Kapitän der Medusa, Hugues Duroy de Chaumareys, war davor jahrzehntelang nicht mehr zur See gefahren und hatte den Job nur bekommen, weil er braver Royalist war – «kein Jean Marais, sondern ein Chaumareys», witzelt Franzobel, der das Kalauern in diesem Fall dann doch nicht lassen kann. Der ständig von nervösem Durchfall geplagte Kapitän hört statt auf seine kompetenten, aber feindseligen Offiziere lieber auf seinen windigen Freund Antoine Richeford, der den erfahrenen Seemann markiert und das Schiff schließlich zielsicher in den Sand setzt.

Wenn die Medusa Schiffbruch erleidet, liegt die erste Hälfte des Roman bereits hinter uns – und die ist der schwächste Teil des knapp 600 Seiten starken Schmökers. In der überlangen Exposition stellt Franzobel nicht nur die – meist monströs überzeichneten oder grell karikierten – Personen der Handlung vor, er lässt auch keine Standardsituation des Genres aus. In jedem Kapitel wird ein neues Theater der nautischen Grausamkeit aufgeführt: Mal geht ein Schiffsjunge über Bord, mal wird ein Soldat aus nichtigem Anlass ausgepeitscht, mal veranstaltet die Crew ein bizarres Mummenschanz-Ritual, bei dem einige Passagiere zum allgemeinen Gaudium gedemütigt werden. Der Roman bedient sich eines Erzählers, der mit leicht spöttischer Distanz aus der Gegenwart auf das Geschehen blickt, wobei der Fokus auf zwei Hauptpersonen liegt. Der eine Held ist die historische Figur des 23-jährigen Schiffsarztes Henri Savigny, dessen Aufzeichnungen es zu verdanken ist, dass die Tragödie überhaupt überliefert wurde. Den anderen, den 20-jährigen Viktor, hat Franzobel erfunden; als «jungen Arthur Rimbaud» beschreibt er den Ausreißer aus gutbürgerlichem Haus, der das Abenteuer sucht und als Kombüsenjunge angeheuert hat.

Die Medusa war auf dem Weg nach Saint-Louis, der Hauptstadt des Senegal, der damals französische Kolonie war; an Bord befand sich unter anderem der designierte Gouverneur Schmaltz (nein, der Name ist nicht von Franzobel). Nachdem das Schiff auf die gefürchtete Arguin-Sandbank aufgelaufen war, stellte sich heraus, dass es – der Schiffskatastrophen-Klassiker – zu wenige Rettungsboote gab. Für alle Passagiere, die nicht wichtig genug waren, wurde notdürftig ein Floß gezimmert, das eigentlich von den Booten ins Schlepptau genommen werden sollte. Das Seil aber wurde bald gekappt, das Floß seinem Schicksal überlassen. Anders als dieses nimmt der Roman jetzt Fahrt auf, und es zeigt sich: Franzobel kann auch Pageturner.

Man kann das Floß als Bühne beschreiben, auf der buchstäblich die letzten Tage der Menschheit aufgeführt werden. Aber nicht nur das Wesen des Menschen, auch der Roman stößt hier an seine Grenzen. Franzobel wollte einfach nur eine gute Geschichte erzählen. Das ist ihm gelungen. Für das unvorstellbare Grauen aber, das sich in den dreizehn Tagen auf dem Floß ereignet haben muss, fand er keine Worte.

Wolfgang Kralicek

Franzobel «Das Floß der Medusa»
Paul Zsolnay Verlag Wien 2017
591 Seiten, 26 Euro

↓ Tipp 3

DVD: «Young Men»

Das «Making of» sollte man sich nicht entgehen lassen. Ursprünglich entstand «Young Men» von Iván Pérez als Bühnenproduktion: eine eher abstrakte Auseinandersetzung mit dem «Ersten Weltkrieg», dessen Widerhall sich selbst noch in den Köpfen und Körpern junger Menschen erspüren lässt. Bereits während der Entstehung wurde den beiden Direktoren der BalletBoyz bewusst, wie gut sich aus dem Bewegungsmaterial auch ein realistischer Spielfilm machen ließe – und mit dem Einverständnis des Choreografen (und künftigen Heidelberger Ballettchefs) unterwarfen Michael Nunn (Regie) und William Trevitt (Kamera) Tanz und Tänzer einem Umwandlungsprozess, dessen Dokumentation ebenso aufschlussreich und aufregend ist wie der eigentliche Film.

Gedreht an historischen Schauplätzen, auf Schlachtfeldern und in den Schützengräben der Normandie, lässt sich der Film nie direkt auf kriegerische Ereignisse ein. Vielmehr zeigt er, wie sich deren Mechanismen auf das Menschsein auswirken: verletzend, erniedrigend, verrohend. Es sind starke Bilder, die sich dem Gedächtnis einbrennen. Szenen, die bei aller choreografierten Schönheit unter die Haut gehen. Tänzerakteure, die sich die äußere Gewalt so selbstlos einverleiben, dass sie wieder glaubhaft wirkt und etwas zugleich Beängstigendes hat. Dazu ein Orchestersound von Keaton Henson, der das Ganze nicht einfach untermalt, sondern Projektion des Psychischen ist. Kein Wunder also, wenn die «Young Men» derzeit auf Filmfestivals in aller Welt einen Preis um den anderen einheimsen.

Hartmut Regitz

Michael Nunn, William Trevitt, Iván Pérez «Young Men»; www.balletboyz.com